Offene Worte

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Es fällt mir im Moment schwer zu fotografieren. Bis auf die wenigen Aufnahmen mit der Pentacon Six, deren Klicks ich an meinen Fingern abzählen kann und den Erinnerungsschnappschüssen mit meinem Handy, bleibt es still in der Fotografie. Seit ich hier bin, fern des Trubels, will ich einfach nur sein. Träume schmieden. Die Zeit mit der Familie genießen. Die Ruhe. Zugegeben, auch die Auszeit von Berlin. Dem kreativen Wettbewerb der Stadt zu entkommen, der in mir nicht nur positive Gefühle weckt und der mich zu oft lähmte. Immer wieder drängt sich mir die Frage auf, wofür überhaupt? Wofür das alles? Meine Blogartikel werden spärlicher. Manchmal habe ich das Gefühl, sie werden sich irgendwann in Luft auflösen. Einfach so. Davon fliegen. Puff. Das war’s. Zugegeben, irgendwie ein befreiendes Gefühl. Kein Social Media mehr, keinen Blog mehr, kein öffentliches Darstellen mehr, kein Kopfzerbrechen, dass doch endlich wieder „was gehen muss“. Ich bin immer wieder überrascht, dass trotz allem so viele Leser auf meine Seite finden und nicht längst das Weite gesucht haben. Fluchtartig. Der Langeweile entronnen.

Bevor ich mit dem Schreiben dieses Artikels begonnen habe, wurde mir wieder bewusst, wie ich mich in den letzten Monaten von der Bloggerwelt entfernt habe. Ab und an versucht mir der Blog in Erinnerung zu rufen, dass ich doch wieder zur Kamera greifen, mich mal wieder kreativ austoben sollte. Und das ist auch gut so. Doch die Rufe werden leiser. Andere Dinge beschäftigen mich. Die Mutterrolle zum Beispiel. Meine ganz persönliche Rolle darin und alles, was sich wie ein Rattenschwanz mit ihr nach sich zieht. Das Familienbild in der Gesellschaft. Es kommt vor, dass sich während dem Gedankenfluss bei mir eine gewisse Traurigkeit breitmacht. Ja, mein Kleiner geht noch immer nicht in den Kindergarten und wird bald zwei Jahre alt (Ist das denn überhaupt ungewöhnlich? Warum?). Ja, ich stille noch immer (Was für ein Diskussionsthema sich doch hier immer wieder auftut! Warum eigentlich?) und ja, ich bin glücklich damit, Vollzeitmama zu sein, die nebenher versucht, Künstlerin zu sein und zu bleiben, auch wenn es nicht immer leicht ist. Ohne meinen Mann wäre das schlicht und einfach nicht möglich. Diese Situation, auch die Gedanken hier so offen auszusprechen, verursachen mir zugegeben leichte Bauchkrämpfe. Seltsam, dass ich mich als minderwertiger sehe, als Mutter, anstatt erfolgreich in einem Job zu sein, obwohl ich doch weiß, wie intensiv und enorm zeitaufwendig und wie wichtig ein „Mutterjob“ ist. Warum? Ist das Muttersein in der Gesellschaft so viel weniger wert? Ja. Definitiv. Leider. Und das hat mich geprägt. Und das macht mich traurig.

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Viele Themen, viele Gedanken, die sich letzten Endes alle um die Worte Akzeptanz und Respekt drehen und die Suche nach einer Heimat.

Während ich vor dem Laptop sitze, irgendwo in der Nähe von Augsburg und mich daran erfreue die ersten Frühlingsanzeichen intensiv miterleben zu können und meinem Kleinen beim Wachsen und täglichen Entdecken zuschauen zu dürfen, bemerke ich, wie sich langsam alles klärt. Wie etwas frischer Wind durch’s Fenster bläst und an den Fensterläden rüttelt. Ganz leise. Vielleicht ist es ein Vorbote für eine neue Inspiration. Es fehlt mir doch ein wenig. Das Kribbeln in den Fingern und das Herzklopfen. Die Aufregung und das Getrieben sein. Der Flow. Dann wird es wieder still. Ich blicke gedanklich über die Felder den Weg entlang. Höre Vogelgezwitscher und einen Traktor und frage mich, was man eigentlich alles zum Glücklich sein braucht. Dann stelle ich fest, dass es andere Dinge sind, die ich noch vor wenigen Jahren brauchte. Nur die Sehnsucht nach der Ferne, nach einem besseren Ort, ist geblieben. Vielleicht wird sie immer bleiben. Vielleicht gehört sie einfach zu mir. Ich weiß nur, dass sie mich nicht endgültig ruhen lässt. Ich manchmal wie ein rastloses Tier umhertreibe. Dann lege ich mich wieder hin und bin. Einfach so. Mama. Künstlerin. Frau.

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© anette siegelwachs, 2017

Über anette

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25 Kommentare

  1. Wow! Einfach so…
    Auch wenn ich ein Mann bin, ein ziemlich alter, kann ich Deinen Beitrag sehr gut nachvollziehen, verstehen und auch bestätigen.
    Ich habe drei Kinder, zwei Töchter, einen Sohn und dass sie alle drei so wohl geraten und zu großartigen Menschen, Müttern und Vätern herangewachsen sind, ist in erster Linie der große Verdienst ihrer Mutter.
    Meine große Tochter z.B. ist eine sehr talentierte Fotografin, aber mit drei Kindern, die jüngsten sind gerade mal ein halbes Jahr alt – Zwillinge, kommt sie so gut wie nicht dazu. Die andere Tochter ist Musikerin, mit ebenfalls drei Kindern, der jüngste ist zwei (und wird auch noch gestillt) spielt höchstens mal zu Weihnachten oder an irgendwelchen Familienfesten…
    Die Rolle der Mutter ist eine sehr intensive und sehr oft auch anstrengende. Leider zählt in der heutigen Welt die Karriere mehr.
    Was ich eigentlich sagen will? Bleib so, alles ist gut. Genieße die Zeit mit Deinem Sohn, sie ist wertvoll, für ihn und für Dich!
    Liebe Grüße aus Karlsruhe, Jürgen

    • Danke, Jürgen! Es tut unheimlich gut dein Kommentar zu lesen und ich bin dir sehr dankbar dafür! Ich hatte für das letzte Jahr so viele Pläne, die ich nicht umsetzen konnte und was ich nicht alles erreichen wollte … Anstatt mir jedoch den Kopf darüber zu zerbrechen und zu vergessen, wie wertvoll diese Zeit jetzt ist, werde ich mich an deine Worte und Erfahrungen erinnern. Jeder trifft für sich die Entscheidungen, die er als richtig empfindet und ich habe mich dazu entschieden, Mutter zu sein. Alles andere wird kommen, sobald die Zeit dafür da ist.
      Liebe Grüße, Anette

      • Gerne! Du hast eine gute Entscheidung getroffen und eines Tages wird es Dir Dein Kind danken.
        Es ist auch heute noch eine Freude zu sehen, wie innig das Verhältnis meiner Kinder zu ihrer Mutter ist. Das sind allerbeste Freunde :)
        Liebe Grüße, Jürgen

      • Diese Erfahrung durfte ich auch mit meiner Mutter machen und ich genieße es sehr! :)
        Liebe Grüße, Anette

  2. Liebe Anette,
    geniesse deine Mutterzeit, sie ist leider so schnell vorbei. Schwups! Du schaust dich um und schon ist das Kind groß. Mein Sohn wird dieses Jahr 23 und lebt seit über 3 Jahren in Göttingen zum Studium. Ich denke sehr gerne an die Zeit zurück, wo er so klein war und wir gemeinsam die Welt entdeckten. Unzählige Fotoalben erzählen davon, sie haben keinen künstlerischen Wert sind mir aber wertvoll. Manchmal wünschte ich mir einen Tag zurück — aber dann ist es einfach nur schön, dass wir diese Zeit hatten.
    Liebe Grüße von Susanne

    • Liebe Susanne, ja, so ist es. Ich bin auch sehr dankbar darüber, dass ich so für mein Kind da sein darf und kann. Die Zeit vergeht so schnell! Ich muss mich nur ab und zu wachrütteln und losreißen von den Gedanken wie Karriere usw. und mich darauf konzentrieren, was wirklich zählt und vor allem was für meinen Sohn wirklich wichtig ist. Es ist gut so, wie es ist.
      Liebe Grüße, Anette

  3. Hallo Anette, du beschreibst dich – neben dem Künstler – als Träumer. Scheinbar kannst du gerade einen Traum leben, machst dir nur zu viele Gedanken um eine Gesellschaft, die keine Zeit für Träume hat. Was spricht dagegen – vorerst – den Rest der Welt zu vergessen und darin aufzugehen, wonach dir gerade der Sinn steht. Genieße es, das Träumen und Leben!

  4. Precious years – such fun. They go so quickly.

  5. Sehr berührend geschrieben, Anette. Du bist eine großartige Schriftstellerin neben deiner Fotografie! Du findest deinen Weg.
    Herzliche Grüße und alles Liebe, Dina

  6. Ich sage gleich mal vorneweg: wenn ich an Deiner Stelle wäre bzw. in einer vergleichbaren Situation, dann würde ich es ganz genauso machen. Ok, vielleicht nicht das mit dem langen Stillen, aber auch da kann man vorher nicht wissen, wie es dann tatsächlich kommt ;) Meine Mutter war mit uns beiden (ich bin ja ein Zwilling) auch die ersten 3 Jahre zuhause, dann kamen wir in den Kindergarten. Das war selbst in der DDR, wo ja doch mehr Mütter berufstätig waren als im Westen, nicht so ungewöhnlich und niemand hat komische Sprüche gemacht. Das Geld war zwar etwas knapp, aber wir haben es geschafft. Gerade in diesen ersten Jahren verändern sich die Kleinen ja beinahe jeden Tag, es passiert so viel Neues und man verpasst so viel, wenn man nicht da ist. Geniesse die Zeit in vollen Zügen, alles andere wird schon wieder werden. Vielleicht nicht ganz genau so wie früher, aber das wäre doch auch irgendwie langweilig :)

    Hab noch eine tolle Zeit in Süddeutschland und sei ganz lieb gegrüßt,
    Viola

    • Liebe Viola, wie schön von dir zu hören. Ja, jeder sollte es so machen, wie er es für richtig hält. Jeder Tag bringt wieder neue Überraschungen und Entwicklungen mit sich und es ist ein Geschenk, dies so bewusst miterleben zu dürfen. Inzwischen bin ich wieder zurück in Berlin und es gab ganz überraschend einige intensive und arbeitsreiche Tage, die mir sehr gut getan haben. Ich freue mich, dass ich gemeinsam mit meiner Schwester ganz spontan eine Ausstellung machen konnte, dazu aber mehr im nächsten Artikel. Die Zeit rennt und ja, es fiel mir sichtlich schwer zurück nach Berlin zu fahren, inzwischen bin ich aber glücklicherweise wieder gut angekommen.

      Ich schicke dir viele liebe Grüße,
      Anette

  7. ein schöner artikel. der wert der mutterrolle ist in unserer gesellschaft sicherlich problematisch – nicht umsonst ist die geburtenrate in der höheren bildungsschickt so wie sie ist. schön, dass du dich dieser aufgabe dennoch gestellt hast und genieße sie so gut es geht!

    • Ganz lieben Dank, Paleica! Ja, es ist schwierig, einerseits der Stellenwert in unserer Gesellschaft, andererseits ist die Mutterrolle auch sehr intensiv und lässt eigenen Wünschen kaum Raum. Ich kann verstehen, wenn es Frauen gibt, die nach einiger Zeit etwas anderes brauchen oder Veränderungen, Aufteilung, Zeit für sich. Ich für mich bin jedoch glücklich als Mama und alles andere kommt, wenn es soweit ist oder ich schaffe es in den kleinen Pausen zwischendurch zu machen, was mich dann besonders glücklich macht :)

  8. Hallo Anette,
    schön das du mal wieder schreibst…und lass dich nicht von irgendwelchen Erwartungshaltungen bedrängen..das digitale Grundrauschen ist schon viel zu heftig…daher gilt : weniger ist mehr… Bei mir war es so das wir uns die Aufgabe geteilt haben den Sohn grosszukriegen (jetzt wird er 11 und ich brauche bald Schuhe mit Absätzen um noch herunterschauen zu können) anders war das bei Selbstständigen auch nicht möglich…und er ging auch mit 1 in den ersten Kindergarten…und ich meistens mit :-) Wie ja schon beschrieben wurde : geniesse diese Zeit denn morgen ist sie vorbei , das Kind gross und vieles nicht mehr wiederholbar !
    Lieber Gruss, Jürgen

    • Ja, das stimmt. Schon jetzt merke ich, wie schnell alles vorbei ist, sich verändert und von einen Tag auf den anderen ein plötzlicher Entwicklungsschub kommt und der Kleine anfängt mit Worten um sich zu schmeißen und mir Vogelnamen beibringt. Vor wenigen Tagen noch liebte er das Wort Karmingimpel, jetzt fängt er langsam an mit vier zusammen hängenden Wörtern … oder er spricht ein Wort in Spanisch, danach übersetzt er für Mama ins Deutsche (er wächst zweisprachig auf). War er nicht gerade eben noch am Krabbeln und Babbeln? Ach ja, ein Kind ist schon ein Wunder.
      Liebe Grüße, Anette

  9. Hallöchen,
    echt ein sehr schöner Beitrag. Dieser lässt mich und bestimmt auch viele andere Leser darüber nachdenken was wirklich wichtig im Leben ist. Genieße dein Leben und die schönen Momente…
    Viele Grüße
    Johannes

    • Ganz lieben Dank, Johannes! Ja, was ist für mich eigentlich wirklich wichtig im Leben? Es ist immer wieder gut sich daran zu erinnern. Auch ohne es zu wollen vergessen wir es oder schieben unsere Wünsche und Träume in die hinterste Schublade. Warum eigentlich?
      Viele Grüße, Anette

  10. Ich kann mich Johannes nur anschliessen ein sehr schöner Beitrag :D

  11. Das sind doch die wirklich wichtigen Dinge im Leben: die Kinder und die Kunst. Also weitermachen und sich daran erfreuen. Herzlich grüßt Ben von Valeat

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