Vorwärts gehen

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the former airport „Tempelhof“, Berlin | photographs © anette siegelwachs

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It happened, therefore it can happen again: this is the core of what we have to say (Primo Levi)

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Es gibt ganz bestimmte Themen, die mich immer wieder aufwühlen, wachrütteln und ganz und gar einnehmen. Viele Jahre zurück, noch in der Schulzeit, war Geschichte Geschichte. Trocken. Unsentimental. Theoretisch. Traurig, aber wahr. Entweder war es bedingt durch den Lehrer, oder aber ich konnte all die Tragik Deutschlands nicht wirklich begreifen. Gut, meine Gedanken kreisten damals auch eher um andere Dinge … Im Laufe meines Studiums sah ich mir das Holocaust-Drama „Der Pianist“ von Polanski an. Das war der Beginn meiner Diplomarbeit. Der Film ließ mich nicht mehr los und ich beendete das Studium mit einer künstlerischen Auseinandersetzung mit der Verfolgung der Juden im Dritten Reich. Eine Performance, ein Kurzfilm, eine Ausstellung, ein Abend voller Geschichte, … Jetzt, bald vier Jahre später, stelle ich fest, dass, vielleicht auch bedingt durch Berlin und der direkten Konfrontation mit der Vergangenheit durch die noch stehenden Nazi-Gebäude und Mahnmale, der Wunsch, nein, eine unbändige Sehnsucht immer wieder durchbricht, dieses Grauen auszudrücken. Das Unbegreifliche herauszuschreien. Es ist nicht nur die Vergangenheit, nein, es sind all die aktuellen Geschehnisse auf der Welt, die das Vergangene erneut heraufbeschwören oder sie in einer anderen Form wiederholen lassen. Während ich diese Gedanken aufschreibe, habe ich das Gefühl zu zittern, am ganzen Körper. Meine Finger, mein Atem, … Es ist eine gewisse Ohnmacht, die mich ab und an überkommen kann. Doch nicht jetzt. Themen, die beinahe die Grenze zum Abgrund überschreiten, festigen mich, anstatt zu taumeln. Vielleicht ist es die Kämpfernatur, die in mir tobt, sich ab und an blicken lässt, wenn ich den richtigen Weg einschlage und mich nicht vom Alltag zu lange ziellos davon treiben lasse. Das Leben ist ein Prozess und der Prozess kann sehr schmerzhaft sein. Doch der Glaube daran, dass man am Ende etwas verändern konnte, positiv, und die Dinge nicht stillschweigend hingenommen hat, lässt so manche Mauern einstürzen.

Über anette

photo artist & dreamer

18 Kommentare

  1. das erste (selbst)portrait sagt mir sehr zu … da war doch was, was ich sehr gerne tun würde. :)

    berlin ist voll von geschichte, der großen in form der gebäude wie mahnmale und der kleinen geschichten, die als stolpersteine daran erinnern. ich habe mal eine dokumentation gesehen, wo kriegsszenen den orten zugeordnet wurden. an einer stelle habe ich meine jugend verbracht … antonplatz, kino toni. es existiert noch heute, wenn sich auch vieles geändert hat.

    was mir auffällt ist, dass vielen der ursprung manch bauwerks nicht bewusst ist … und das, obwohl die architektur eine klare sprache spricht. was mich persönlich sehr berührt sind stätte (gefängnisse, kz’s etc), die in der ns-zeit als auch nach dem krieg zum selben zweck genutzt wurden. es gab keinen „anstand“, keine „scham“ es nicht zu tun.

    es scheinen sich die dinge zu wiederholen. sie bekommen einen anderen namen, eine neue fahne wird in den wind gehalten und alles soll unter diesem banner viel besser sein. schade, dass wir offenbar nicht lernfähig sind …

    beeindruckende fotos an einem geschichtsträchtigen ort, der heute wohl eher zur partymeile verkommt, dazu ergreifende wort … das wäre ein thema für ein kunstprojekt … gegen das vergessen

    • Ja, ein sehr inspirierender Gedanke und ich habe in den letzten Jahren immer wieder darüber nachgedacht, weiter daran zu arbeiten, neu, konzentrierter, offener, mit einem anderen Gesichtspunkt, aber aus irgendeinem Grund kam ich immer wieder davon ab. Vielleicht ruht das Thema deswegen nicht ;-) Wer weiß, was noch kommt. Und wer weiß, ob es dafür nicht den einen oder anderen Förderer gibt. Auf jeden Fall ist es ein Thema, das immer etwas zu erzählen hat, denn vergessen will man oft. Zu viel. Aber ändern tut es letzten Endes dann nichts. Wie, dass damalige Gebäude noch in der gleichen Art weiter genutzt werden … oder sich andere ein Beispiel daran nehmen und es nachbauen …

      Danke für deinen Input, Ronald und das Interesse! Ha, das Portrait, ja, … *räusper* da war ja noch was ;-) Zugegeben, trotz Schauspiel- bzw. Theaterpädagogikstudium, fühle ich mich hinter der Kamera um einiges wohler. Sicher ist es auch Gewohnheit. Aber wenn ich meinen Schweinehund „die Scheu“ überwinden kann und etwas Zeit drin ist, melde ich mich gerne bei dir.

  2. Stunning set of images, Anette. Especially when put in context. Beautiful and unnerving.

  3. Noa Adelbert

    Ich bin tief berührt und bewegt, was Du und wie Du über diese unsagbare Zeit geschrieben hast und wie wachsam und bewusst Du die heutige Zeit wahrnimmst. Du erinnerst daran, „Dinge nicht stillschweigend hinzunehmen“ und tust es als Jüngere mit einer Haltung, die es ermöglicht „so manche Mauern einstürzen“ zu lassen. Deine Haltung und die wieder einmal grandiosen Photos machen mir als Älteren Hoffnung, wie Du – und viele andere Jüngere – das im augenblicklichen Zeit Geschehene mit sehr wachem Augen wahrnimmst und durchschaust. Das zweite Photo gibt es so eindrucksvoll wider: mit den eigenen Augen sehen und nicht mit dem uns in der Öffentlichkeit Vorgegebenen und Vorgetäuschten.
    Ich hatte die Möglichkeit vor Jahren gehabt, die Ergebnisse Deiner künstlerischen Auseinandersetzung mit der Verfolgung der Juden im Dritten Reich selbst zu sehen und aufzunehmen. Auch damals hast Du schon mit großem Einfühlungsvermögen, großer Klarheit und künstlerischer Gestaltungskraft uns als Besucher daran erinnert, nie zu vergessen, dass das unsagbar Schreckliche sich nicht noch einmal wiederholen darf. Ich sehe und verfolge mit großem Respekt und großer Wertschätzung, wie Deine Wahrnehmung, Deine Sprache, Deine Kurz-Stories, Deine Filme und Deine Fotos in der Ausdrucks- und Strahlkraft stetig noch stärker, tiefer und eindrücklicher werden. Dies ist für mich beeindruckend und beglückend.

    Noa Adelbert

    • Als erstes ein ganz besonderes Dankeschön für all deine Gedanken und offenen Worte. Was für eine Rückmeldung! Danke!
      Die tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema bzw. mich emotional an einzelnes anzunähern ist schwierig, gerade als Deutsche, wo ich zwischen Wut, Scham und unbeschreiblicher Trauer schwanke, dass all dies überhaupt geschehen konnte. Wenn ich aktuelle Filme sehe, Kriegsfotografien, wie erst kürzlich auf dem Fotofestival „The Browse“, stelle ich erneut fest, dass es kein Verdrängen gibt, nicht geben darf, und es so wichtig ist, hinzusehen, etwas verändern zu wollen. Ohne diese künstlerischen Mahnmale wären einige Themen tabu geblieben. Es gibt noch so vieles, wovon wir keine Ahnung haben und es ist ein Geschenk, wenn es einzelne beeindruckende Künstler gibt, die sich auf den Weg machen, um über genau diese Sachen zu berichten. Mit ihren eigenen Augen und mit dem Ziel, ein Stück Empathie und Kampfgeist bei den Zuschauern zu wecken und in der Hoffnung, vorwärts zu gehen. Anders zu gehen. Ich hoffe, ich werde eines Tages auch dazu gehören ;-)

      Liebe Grüße,
      Anette

  4. Ein wundervoller Beitrag, sehr schöne Bilder, klasse!

  5. Der Pianist ist ein sehr ergreifender Film nach einer wahren Begebenheit. Sehr schön insziniert von Polanski.

    Deine Bilder passen wunderbar zu der Thematik, die du in deinem Beitrag ansprichst.

  6. Ein schönes Bild ~ liebe es

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