Portrait der Straße

Homeless

portrait © anette siegelwachs

Die Kippe vom Boden, längst ausgetreten. Noch ein kleiner Rest. Ein Lächeln.

Wo ich lebe? Hier. Überall. Da, wo ich einen freien Platz finde. Momentan in der Unterführung. Essen kann ich gleich ums Eck, auch Waschen kann ich mich dort.

Der Mann ist freundlich, offen. Redselig. Aus der Tasche zieht er ein kleines Fläschchen, seine Hand ist verbunden. Neben ihm, vor der Sparkasse, sitzt sein Freund. Er spricht nicht viel, der Blick düster. In eine Wohnung möchte er nicht, wieso auch?

Tag für Tag sind sie hier, erzählen sie mir. Ich höre zu. Versuche sie auf eine bestimmte Weise kennenzulernen. Fassbar werden sie mir jedoch nicht. Ihre Welt, meine Welt, ein Unterschied von Tag und Nacht und die Zeit zu kurz. Als ich wenige Wochen später wieder vorbei schaue, ist der Platz vor der Bank leer. Der Schlafsack des Freundes verschwunden. Als wären sie nie da gewesen.

Berlin. Ein Einblick.

14 Kommentare zu „Portrait der Straße

  1. Liebe Anette, das zu lesen verursacht eine Gänsehaut in mir. Aber ja, es betrifft so viele, immer wieder. Vielleicht wollen einige ja auch so leben, die Freiheit der Straße hat bestimmt auch ihren Reiz. Danke!
    LG
    Sabine

    1. Ja, seine Freiheit zu behalten war für den Mann (nicht auf dem Bild) das Wichtigste und doch schien es mir, als habe er das alte Leben nicht freiwillig verlassen …
      Danke für deine lieben Zeilen, Sabine!
      LG
      Anette

    1. Als ich mit den beiden sprach blieben die Blicke der Vorbeiströmenden nicht unbemerkt, kein schönes Gefühl muss ich sagen. Zwei Welten, die hier aufeinander trafen und sich nicht immer so gut gesinnt waren …

    1. Ja, das stimmt. Es gibt so viele Geschichten, die noch unausgesprochen sind, denen kein Raum gegeben wird oder gegeben werden kann. Wenn es dann doch mal klappt solch Momente festzuhalten, Portraits entwerfen zu können, ist es sehr aufwühlend und intensiv … Danke für deine Worte, Luiza.

  2. Sehr stark, Text und Bild ergänzen sich wunderbar und zeigen ein ungeschmücktes Bild unserer Gesellschaft. Ich mag so was sehr, habe leider meist zuviel Scheu bei Streetaufnahmen.

    1. Das kenne ich aber auch! Bei dieser Aufnahme hatte ich mir ein konkretes Thema vorgenommen und die Überlegung tauchte auf, welche Protagonisten ich für eine Doku nehmen würde … Irgendwie stärkte mir das den Boden, auch die Kamera in Ruhe zu zücken … Das Schwierigste ist der erste Schritt, alles weitere ergibt sich oder eben nicht. Ich freue mich auf jeden Fall sehr, dass es dir gefällt :)

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