KurzStory *21*

Anmerkung: Viele Monate ist es schon her, als ich mit dieser Geschichte begonnen habe und sie nach 24 Seiten liegen lies. Unbeendet. Eins weiß ich aber sicher, irgendwann kommt der Punkt, an dem ich sie wieder heraus holen werde. Bis dahin ein paar noch unbearbeitete Ausschnitte. Ein Einblick in die Rohfassung sozusagen …

*

Die Holzbank im Wüstensand

(…) „Sonnenschein, Überflutung, 33ºC“. Er schrieb die Uhrzeit, geschätzte Luftfeuchtigkeit und mögliche Gründe des neuen Sees darunter mit dem Vermerk Wir, meine Frau Sofía Hernando de Sánchez und ich, Bernardo Hernando de Sánchez, sind in Sicherheit. Unser Zuhause ist zu einer Insel geworden, auf der wir heute gestrandet sind. Hinter dem Haus führt noch ein schmaler, trockener Weg in die Wüste, der uns, so hoffe ich, zum Mini-Market bringt. Bisherige Lebensrettungen: 1 Hundewelpe im Topf.“ (…)

(…)  Gerade dabei, einen noch brauchbaren Stuhl aus dem Wasser zu hieven, deren Bergung der alten Frau schwer zu schaffen machte und sie ihn doch nicht treiben lassen konnte, schwamm der erste tote Körper wenige Meter entfernt an ihr vorüber. Señora Hernando de Sánchez bemerkte ihn, als er sich aus unerfindlichen Gründen auf den Bauch drehte und sie auf seinem T-Shirt eine große 10 las. Anstatt die Lehne des dunkelgrünen Stuhls vor Schreck loszulassen, krallte sie ihre steifen Finger noch fester um ihn. Sie spürte wie das Material nachgab, aufgeschwemmt und gesättigt vom Wasser. Dann löste sie die Hände. Das beinahe schrill wirkende Kläffen des Hundes, das sich mit einem kläglichen Winseln vermischte, riss die Frau in die Realität zurück und sie machte sich auf dem schnellsten Wege aus dem Wasser heraus, schüttelte ihre Arme und Beine, soweit ihre Gelenke die ungewöhnlichen Bewegungen zuließen. Da hab ich mir doch glatt einen toten Fisch geangelt, berichtete sie dem Hund mit einem seltsam aufgesetzten Lächeln. War das dein Herrchen, die Nummer 10? Wenn ja, tut es mir aufrichtig leid, mein Kleiner. Sie brabbelte vor sich hin, versuchte der Situation Herr zu werden, kam von ihren wirren Gedanken ab, den Belustigungen, die so fehl am Platz waren. Macht nichts, macht nichts, beruhigte sie sich, dann schwieg sie, als wäre sie zu einer Grabstätte geworden und gebe dem vorbeischwimmenden Körper die letzte Ehre, der sich jedoch keinen Dreck mehr darum scherte. Ihre Gedanken weit entfernt bei der Beerdigung ihres Sohnes, die an einem Regentag des Jahrhunderts stattgefunden hatte. Mittags, zwei Stunden vor Beginn, zog die schwarze Wolke auf, säuberte die aufgebauten Tische und die wartenden Gäste flohen in alle Richtungen, nur nicht in die Gleiche.

Ehe Señora Hernando de Sánchez zurück ins Haus ging, legte sie einen Stein vor die Umzäunung, der langsam im Wasser versank. Bernardo, noch immer über seine Notizen gebeugt, blickte kurz zu seiner Frau auf, als er ihre Schritte kommen hörte. Er hatte etwas Jungenhaftes in seinem Gesicht, das beinahe unpassend mit dem alten Körper verbunden war. Die Haare, üppig für einen Mann seines Alters, leuchteten weiß und doch erinnerten sie an einen gerade aufgestandenen Studenten. Zerzaust und spitzbübisch. Seine Haut, von der Sonne stark strapaziert, zog sich wie eine braune Lederhaut, die vereinzelt mit Falten bestückt war, über seinen Körper. Bernardo, von einem plötzlichen Sodbrennen geplagt, das wie so oft ein Zeichen für schlimme Nachrichten war, zuckte zusammen.  (…)

(…) Ein Stück des Weges lag bereits unter Wasser, der sich in einer der wenigen Mulden, vor einigen Tagen noch ausgetrocknete Ebene, entlang schlängelte. Señor Hernando de Sánchez stützte sich auf einen Gehstock, auf dem Rücken Getränke, Brot, die restlichen Biscochos und zwei Äpfel im Rucksack. Sein Stock versank unzählige Male im durchnässten Boden und machte den Fußmarsch langsamer als gewöhnlich. Zwei Schildkröten in der Dämmerung, wandernd auf einem dünnen Faden einer Erhöhung. Señora Hernando de Sánchez, ihr Oberkörper unnatürlich gestreckt, hielt ihren ausgebreiteten Regenschirm in der Hand, der bei dieser Uhrzeit vollkommen sinnlos war. Bernardo, begann sie trällernd, erinnerst du dich noch an unsere Hochzeitsreise, die niemals stattgefunden hat? Jetzt endlich haben wir Zeit. Eine Hochzeitsreise mit beinahe hundert Jahren, Bernardo, was denkst du, ist das nicht verrückt? Bernardo drehte sich andeutungsweise zu ihr um. So alt sind wir schon? Was machen wir bloß noch hier, alt und gebrechlich, ohne Haus und Garten, seufzte er mit gespielter Tragik und hinkte den unerfahrenen Führerfähigkeiten des Hundes hinterher. Dafür in guter Gesellschaft, erwiderte seine Frau, die so nah hinter ihm lief, dass Bernardo seinen Kopf zur Sicherheit einzog, um dem Schirm seiner Frau auszuweichen. Leise begann er den Tango Klassiker Cambalache zu singen und gepackt, von der in der Abendsonne glitzernden Überschwemmung, reckte er sich und sang mit beachtlicher Durchdringlichkeit. Que el mundo fue y será una porquería, ya lo sé. … ¡Qué falta de respeto, qué atropello a la razón! … Señora Hernando de Sánchez´s Schritte wurden langsamer, rhythmisch. Der Welpe, die Ohren gespitzt, stimmte mit einem leidvollen Jaulen ein, das Vögel von den wenigen Sandbuchten in der Ferne erschreckt hochfahren ließ und sie im Horizont der untergehenden Sonne wie schwarze Punkte in leuchtendem Rot verschwanden.

Der Schlaf war unmöglich. Entweder eine Hand oder ein Fuß fanden keinen Platz, die Gelenke schmerzten und die ständige Angst blieb, der Weg könne sich im Schlaf auflösen. Das Ehepaar lief weiter, die Augen gerötet, bis sie die Müdigkeit im Stehen überfiel. Sekundenschlaf. Immer und immer wieder. Wie zwei Statuen in der Dunkelheit, die bis zum Morgengrauen nur wenige Meter wanderten. Als die Sonne sich ein zweites Mal gen Horizont neigte und die Wasserspiegelung blutrot verfärbte, wurde der Weg so breit, dass sich in der Ferne das Ende des Sees abzeichnete. Señora Hernando de Sánchez und ihr Mann waren zu müde, um sich darüber zu freuen oder es gar in ihrer verschlafenen Realität wahrzunehmen. Erst die Geräusche rissen sie aus ihrer kraftlosen Abgeschiedenheit und ihre Schritte verlangsamten sich, bis sie schließlich erstarrten.

Ich weiß nicht, Bernardo, ob der Weg uns richtig geführt hat. Bernardo zuckte kaum merklich mit den Schultern. Ein fremdartiges Landschaftsbild tat sich auf: zwei magere, gebeugte Gestalten am Rande eines roten Sees, dieser durchzogen mit einer dünnen Linie und wenigen kahlen Inseln, nur auf einer der Inseln ein winziges Häuschen umzäunt von blühenden Gräsern. Außerhalb des Sees steinige Trockenheit und eine Autobahn quer durch die Wüste. Während die einige hundert Meter vom Wasser entfernte Fernstraße zu leuchten begann, legte sich ein angenehm kühler Schatten auf Señora und Señor Hernando de Sánchez und hüllte den See in Dunkelheit. Die verschwommenen Lichter rasten von Horizont zu Horizont und versperrten den weiteren Fußweg. Vor ihnen lag das Hindernis der modernen Technik, hinter ihnen die Naturgewalt. Sie bevorzugten die Naturgewalt und kehrten um.

(…)

Über anette

photo artist & dreamer

2 Kommentare

  1. Noa Adelbert

    Eine sehr eindrückliche und nachdenkliche Erzählung, die auch aufzeigt, dass das „Querdenken und somit auch Querschreiben“ zum Nachdenken anregt und weitere Perspektiven öffnet. Ich bin gespannt auf die nächste Erzählung! Danke für den Mut und die sprachliche Ausdruckskraft.
    Noa Adelbert

    • Eine so wunderbare Rückmeldung, vielen, vielen Dank! Eine große Freude für den Abend, der noch lange nicht nach Feierabend schreit.

      Liebe Grüße,
      Anette

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