KurzStory *15*

Und, wie läuft´s?

Gut.

Sebastián blickt über die Weite der Einöde, ausgetrocknet und karg liegt sie vor ihm und erwidert gleichgültig seinen Blick.

Mal wieder was von Marco gehört?

Nichts.

Schweigend sitzen sie da, zwei Freunde aus der Schulzeit, die sich fremd geworden sind. Jeden Freitagnachmittag fahren sie mit dem Motorrad den Hügel hinauf, raus aus der Kleinstadt, bis zum Waldrand, und blicken hinunter in ihre Heimat.

Willst du immer noch weg?

José wartet nicht auf eine Antwort. Er selbst hat es satt, schon seit Jahren.

Weißt du, die Anzahl gepackter Koffer kann ich schon gar nicht mehr zählen. Zu viele. Und doch packe ich sie alle wieder aus, ehe jemand etwas merkt.

Sebastián löst nur kurz seinen Blick von einem vorbeiziehenden Vogelschwarm, dann fliegt er mit ihnen davon. José achtet nicht darauf. Endlich fühlt er sich bereit, alles, was er seinem damals besten Freund in der Schule anvertraut hätte, zu erzählen. Über seine Ängste, seine Träume, sogar über die ihm unwichtig erscheinende Kleinigkeit nicht erwachsen werden zu wollen. Getrieben von dem, was auf der Welt noch alles auf ihn wartet.

José?

Zu abrupt verlässt der Name Sebastiáns Lippen und verharrt für wenige Sekunden zwischen ihnen.

Ich werde gehen.

Wie, du wirst gehen?

Ist dir die Tasche nicht aufgefallen?

José sucht, dreht seinen Kopf zu allen Seiten, schnüffelt.

Nein.

Ich habe alles vorbereitet. Hier beginnt meine Reise. Genau an diesem Platz, an unserem Treffpunkt.

Und hast du nicht daran gedacht, mich mitzunehmen?

Schweigen. Sebastián wirkt überrascht, nicht ahnend, wie ernst José über diesen Gedanken nachgedacht hat.

Nein, antwortet er zögerlich. Du hast doch Marie … und vielleicht bald mehr.

Wie, mehr?!

Na, ich dachte

Nein!

Schon gut.

Du hast ja keine Ahnung.

Also willst du mit? Ernsthaft?

Für einen kurzen Moment sieht er sich mit José als zwölfjähriger vor sich, posierend wie Bodybuilder. Er lächelt.

Ja.

Über anette

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6 Kommentare

  1. In die Story kann ich mich gut hinein versetzen. Für einen kurzen Moment sehe ich mich und meinen besten Freund als zwölfjährige….
    LG, Gilles

    • Vielen Dank für deine schöne Rückmeldung! :-D Es ist wunderbar zu hören, dass dir die Geschichte Erinnerungen hervorgerufen hat und sie dir gefällt.
      LG, Anette

  2. Beim Lesen höre ich die tiefe, ruhige,etwas heisere Stimme eines bekannten deutschen Synchronsprechers und Geschichtenerzählers…dessen Namen mir nicht einfällt. Deine Geschichte klänge auch toll…

    • Das freut mich zu hören, danke :-) Vor einigen Jahren habe ich es selbst mal ausprobiert … aber dann fehlte doch die Zeit dazu, ganz zu schweigen von der tiefen Stimme ;-)

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