KurzStory *13*

Vorsichtig taste ich die Wand ab. Nur langsam komme ich vorwärts. Meine Füße sind kalt und die Zehen krallen sich fest an die rutschigen Steine. Ich fühle mich wie ein lauernder Tiger, bereit zum Sprung, sobald der erste Lichtstrahl den Weg erhellt. Es tropft. Regelmäßig tropft es von der Decke und ich höre den Aufschlag wie einen hohen Ton, der sich durch den ganzen Tunnel zieht. Klick. Plitsch. Klick. Plitsch. Es sind zwei Tropfen. Einer eilt in hohem Tempo von der Decke auf die Erde, der andere lässt sich Zeit und zieht sich gemächlich nach unten. Meine Augen erfassen nur schwach den Umriss meiner Hände. Die Füße verschwinden in schwarzer Leere. Ich habe jegliches Zeitgefühl vergessen. Ich kann nicht sagen, ob ich eine Nacht oder hundert Nächte hier unten in der Dunkelheit umherirre. Manchmal huscht ein kleines Tier an mir vorbei, wahrscheinlich eine Ratte oder eine Maus. Sonst bleibt es außer den durchgängig tropfenden Wänden still.

Ich trete auf etwas Glitschiges und mein linker Fuß verliert den Halt. Gerade noch bekomme ich einen Stein zu fassen, der sich wie eine Halterung von der restlichen Wand abhebt und verhindere einen Sturz. Wenige Schritte weiter finde ich auf einen ähnlichen Stein. Sie ziehen sich in gleichmäßigen Abständen einige Meter entlang, bis ich auf Holz treffe. Die Fläche ist glatt und die Steine bleiben zurück. Ich taste die Höhe ab, die Breite, fühle das Ende der Bretter, aber finde keine Türklinke. Es muss zugemauert worden sein. Ich ertaste kleine Eisenpunkte am Rand und versuche, zwischen den Steinen und dem Holz meine Finger zu schieben. Vielleicht kann ich sie herausbrechen. Der Abstand ist zu schmal. Ich lausche an der Holzwand. Alles ist still. Dann wage ich den ersten Schritt zur anderen Seite des Ganges. Ich löse meine Hände und taste mich in den leeren Raum. Es sind drei große Schritte bis zum Ende. Ich zähle bis drei, dann hechte ich mich blind gegen die Bretter. Mein Fuß verliert den Halt, gleitet über einen rutschigen Stein, der Kopf schlägt hart auf die Wand auf und mit einem lauten Krach höre ich das Bersten von Holz. Ich liege mit schmerzenden Knien und aufgeschlagenem Handgelenk zwischen Öffnung und Tunnel. Ich sehe meine Haut, meine Beine, meine Hände. Mit dem Kopf liege ich im nächsten Gang. Licht erhellt ihn schwach. Er ist schmal und schlängelt sich langsam nach oben. Vielleicht bin ich in einem Labyrinth gelandet und treffe danach auf einen neuen und wieder auf einen neuen Tunnel, bis ich am Schluss wieder in die Dunkelheit falle und tastend nach Licht suche. Ich ziehe mich an der Wand hoch, steige über die Holzstücke hinweg und lasse die tropfende Decke hinter mir. Bald komme ich nur noch auf allen Vieren vorwärts. Es wird steiler. Ich krieche auf den Steinen nach oben, halte mich an den Ecken fest und schlängel mich nach vorne, bis ich auf eine Treppe treffe. Sie ist zwei Fuß breit und so schmal, dass nur die Hälfte meines Fußes Platz findet. Meine Beine schmerzen. Weit über mir erkenne ich eine Öffnung. Stufe für Stufe beginne ich im Rhythmus zu laufen. Erst ergreift die linke Hand die Steinkante, dann tritt der linke Fuß auf die nächste Stufe, dann folgt die rechte Hand und der rechte Fuß. Ich schnaufe. Mir wird heiß und meine Oberschenkel brennen. Vereinzelte Steinblöcke drücken mir in den Rücken, dann habe ich wieder Platz nach hinten. Mit jedem Schritt wird es heller. Das Licht blendet meine Augen und ich konzentriere mich auf die Stufen. Ich zähle zwanzig Schritte, dann fühle ich frische Luft in meinem Gesicht. Noch fünf Stufen und mein Blick findet Gras, das mich am Kinn kitzelt. Ich bin inmitten einer Wiese. Wie ein Maulwurf klettere ich aus meinen Gängen der Tiefe empor und reibe mir über das schwarze dreckige Fell. Ich lasse mich auf das Gras fallen und schließe die Augen. Schlaff liegen meine Glieder neben mir, ruhen auf der warmen Erde unter der Sonne.

Ehe sich mein Atem beruhigen kann, fallen die ersten Regentropfen. Ein frischer Wind kommt auf, bläst unter mein Hemd und kitzelt meinen Bauch. Die Tropfen sind schwer und kalt. Wie Ohrfeigen klatschen sie über meine Wangen hinweg. Ich drehe mich schwerfällig zur Seite, schütze meinen Kopf und lasse den Dreck von mir spülen. Wie leichte Fausthiebe fallen die wenigen Tropfen auf meinen Körper. Jeden Moment setzt der Platzregen ein. Ich stehe wie durchgerüttelt von den Hieben auf und lasse mich bis unter einen nahen Baum von meinen Füßen tragen. Weiter komme ich nicht. Der Regen setzt ein und fällt rauschend und tobend auf die Wiese und geht nach kurzer Zeit in feinen Regen über. Die Wolke zieht weiter. Die Luft ist feucht und schmeckt nach Moos. Ein kleiner Bach zieht sich von Blatt zu Blatt. Ich strecke meine Zunge aus und lasse den schmalen Wasserpfad in meinen Mund laufen. Dann lehne ich mich an den Baum, strecke die Beine von mir, lasse die schweren Arme hängen und schlafend fällt mein Kopf auf die Brust.

Ich erwache wieder bei Nacht. Hell scheint der Mond durch das dichte Blätterdach und streift meine Nase. In der Stille der matten Schwärze höre ich Menschenstimmen. Ehe ich einen klaren Gedanken fassen kann, bin ich weg. Ich renne über Wurzeln, springe über umgestürzte Bäume und krieche immer tiefer ins Dickicht der Nadelwälder. Erst als ich auf einen Fluss treffe, werde ich ruhiger. Unter dem Mondlicht schwimme ich mit der Strömung in die Weite und lasse die Stimmen hinter mir.

Die Strömung ist stark. An einem weit in den Fluss hängenden Geäst versuche ich, das Land zu erreichen. Langsam verliert das Wasser an Tiefe und ich sehe den Grund. Als ich auftreten möchte, versinken meine Füße in Schlamm. Ich schwimme im wenigen zentimeterhohen Wasser bis zum Flussende und bade bis zur Brust in der dunklen Erde. Vor mir sehe ich Gärten und Häuserfassaden. Der Fluss zieht tosend an meinem Rücken vorbei und flieht weiter Richtung Norden. Ich klettere die kleine Böschung hinauf, steige über einen Zaun und durchquere einen grünen Hinterhof. So weit das Auge reicht reihen sich Häuser den Fluss entlang und versperren mir den weiteren Fußweg. Eine Katze starrt mich aus der Ecke des Gartens an. Ich bin kurz davor, wieder ein Stück im Fluss weiterzutreiben, als ich endlich einen schmalen Gang zwischen den Häusern hindurch zur Straße entdecke.

Die Landschaft wird karg und glatt wie Papier. Der Wald liegt hinter mir, das Dorf, der Schlamm, der Fluss und lässt dem leeren Raum der Kargheit genügend Platz für meine Schritte. Langsam wird es hell, die Sonne zeigt ihr Morgenlicht. Ich bin müde. Jede Faser meines Körpers schmerzt und schreit nach Wasser. Für Momente vermisse ich den reißenden Fluss und die feuchtkühle Erde auf meiner Haut. Welchen Blick ich auch zum Horizont werfe, er zeigt mir immer ein identisches Bild zum vorigen. Um nicht im Kreis zu laufen, richte ich mich nach der Sonne. Mit ihr kommt die Hitze. Ich krieche. Ich schlafe. Ich wache auf, mein Körper vertrocknet, meine Zunge klebt. Ich gehe, ich krieche, ich schleiche, ich schlafe. In den Nächten beginne ich zu laufen und am Tag schlafe ich unter meiner Jacke in der gähnenden Leere der Trockenheit.

Irgendwann taucht vor mir ein Grasbüschel auf. Einsam bricht er durch den Staub. Wenige Meter weiter ein zweiter. Sie häufen sich und werden eins. Das Grün kehrt zurück, die ersten Wolken bedecken die Sonne und meine verbrannte Haut kühlt. Ich trinke den Morgentau auf den Gräsern, bis ich endlich auf Wasser treffe. Vor mir steht ein Brunnen. Er ist tief und dunkel. In der Ferne höre ich Schafe blöken. Ich halte einen Eimer Wasser in der Hand und schütte ihn in meine Adern, tränke mein Herz und meine Glieder. Ich höre Stimmen. Sie schreien. Als ich mich zur Seite drehe, sehe ich eine Gruppe Männer auf mich zurennen. Sie sind wütend und werfen mit Steinen nach mir. Der Eimer baumelt einsam neben mir, leer. Ich packe das Seil und lasse mich in die Dunkelheit hinab. Nur ein schwaches Licht bedeckt die feuchten Steine. Neben mir fließt ein Bach. Ich springe über ihn hinweg und laufe in die Schwärze. Tastend suche ich nach einem Weg, finde eine Öffnung und trete hinein. Ich komme nur langsam vorwärts. Die Steine sind rutschig und wie Krallen halte ich mich mit den Zehen an ihnen fest. Wie ein Tiger auf der Lauer taste ich mich immer tiefer in den Gang. Hinter mir höre ich Steine ins Wasser fallen. Wie Todesschläge hallen sie mir entgegen. Doch hier bin ich sicher. Ich taste mich weiter. Irgendwo muss es einen Ausgang geben. Irgendwo werde ich auf eine Tür stoßen. Ich verliere das Zeitgefühl. Nur schwach erkenne ich die Umrisse meiner Hände. Die Füße verschwinden in schwarzer Leere. Es tropft. Klick. Plitsch. Klick. Plitsch. Wie ein hoher Ton hallen sie von den Wänden, dem Gang, der Dunkelheit wider. Ich taste mich weiter. Langsam, vorsichtig, auf der Lauer wie ein Tiger. Auf der Suche nach dem Licht.

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4 Kommentare

  1. Noa Adelbert

    Für mich ist Deine Geschichte eine sehr treffende und berührende Parabel, die die Dramatik des inneren Kampfes aus der Einsamkeit, der Ablehnung, des Ausgestoßenseins zum Licht, zur Wärme der menschlichen Begegnung aufzeigt. Solange die Ablehnung oder gar der Hass, das Schreien, die Steine auf das Anderssein die menschliche Begegnung verwehrt, d.h. die Türen verschlossen bleiben, führt der verzweifelte Versuch aus dem Dunkel herauszukommen wieder zu diesem zurück.

    Auch wenn die Geschichte dramatisch beginnt und auch nach der erlebten Erfahrung des Kampfes aus der Dunkelheit herauszukommen wieder dramatisch endet, so zeigt sie doch mit kraftvoller, präziser und klarer Sprache auf, wie das Dunkel, die Hoffnungslosigkeit über-winden werden wird. Und zwar durch die sehr einschneidend gemachte Erfahrung selbst.

    Die unerschütterlich starke innere Kraft – symbolisch ausgedrückt durch das Laufen über die Wiese und das Erleben des strömenden Regens sowie das Schwimmen im Fluss – wird die Suchende bei ihrem ganz gewiss folgenden zweiten Fluchtversuch aus dem Kreislauf der Ablehnung und des Hasses herauszukommen, „gestärkter“ vorgehen. Denn sie baut auf ihren erlebten ersten Erfahrungen auf. Sie kennt den Weg aus dem Dunkel, aus der Kälte schon klarer.

    Denn eines wird gewiss kommen: Eine Tür der vielen Häuser wird sich öffnen, denn nicht alle lehnen das „Anderssein“ ab und kennen keinen Hass. Sie sind dankbar, dass es Menschen gibt, die anders sind und nicht in ihrem Denken und Handeln gleichgeschaltet sind bzw. gleichschalten lassen, wie es so manche sind, ohne sich dessen bewusst zu sein. Die aus der Tür Tretende werden die Hand der Suchenden reichen und ihr das geben, was sie sucht: Offenheit, Begegnung ohne Vorurteile, Schutz und Geborgenheit, Zuwendung und Vertrauen.

    Die Kurzgeschichte erinnert mich in ihrer Essenz an historische Parallelen aus der Vergangenheit. Menschen wurden ins Dunkel getrieben, ausgestoßen oder gar vernichtet, aber auch unter Gefahr aufgenommen. Die Geschichte weist in beschreibender Art leise darauf hin, dass sie in ihrer Kernaussage auch in der Gegenwart aktuell ist. Menschen verschließen die Türen und Menschen öffnen die Türen, gegenüber Menschen die anders sind, sei es in ihrer Kultur, in ihrer Hautfarbe, in ihrem Denken, in ihrer Kleidung, in ihrem Verhalten oder in ihrem Glauben.

    Deine Geschichte fesselte mich, machte mich wegen der Aktualität sehr nachdenklich, wie mit der Andersartigkeit von Menschen in der gegenwärtigen Zeit umgegangen wird. Sie zeigt mir aber auch in sehr eindrücklicher und behutsamer Art, wie aus der Isolation ein Miteinander werden kann bzw. wie die Einsamkeit und das Ausgestoßensein und das Ausgestoßenwerden überwunden werden kann. Jeder hat die Möglichkeit es mit seinen ihm gegebenen Mitteln zu tun.

    Noa Adelbert

    • Der Kampf nach vorne, egal welchen Weg man einschlagen muss, irgendwo wird sich ein Ausweg finden. Dieser Gedanke begleitete mich stets während des Schreibens und packt mich immer wieder aufs Neue. Obwohl ich in dieser Geschichte eine vergangene Zeit vor mir gesehen habe, bleibt das Thema aktuell und das erschüttert mich immer und immer wieder und lässt mich nicht los … Deine so offene Rückmeldung und ganz persönliche Interpretation beeindruckt mich und ich freue mich unbeschreiblich darüber, danke!

  2. Ein Initiationstraum. Am Ende aufwachen und ins Licht sehen. Und in die dunkle Öffnung des nächsten Tunnels. So war es, so ist es und so wird es immer sein. :-)

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