KurzStory *12*

Guten Morgen, Nachbarn!

Schweigsam eröffnete sie ihre wohlgeordnete Abendmahlzeit am winzigen Esstisch mit einem Schluck Wasser im Sektglas, der kaum für zwei Teller und Besteck ausreichend Platz schaffte. Mit jedem Messerschnitt, jedem Aufspießen einer Spirelli, neigte sich der Tisch leicht zur Seite und zitterte. Ramona schnitt weiter das Stück Hähnchenfilet, spießte weiter die Nudeln mit Tomatensauce und unzähligen Knoblauchstücken mit Basilikum auf, schob jede Gabelportion zufrieden in den Mund.

Hmm, hörte sie sich, zurückhaltend und doch mit größter Befriedigung.

Kein Telefonklingeln, kein Klopfen an der Tür, nichts schien sie aus der Ruhe ihres stillschweigenden Genusses zu bringen, bis der Teller beinahe blitzblank sauber war.

Mit dem Abwasch begann die Wandlung.

Geschirrklappern, Radio in einer Lautstärke, die weit über den gewöhnlichen Pegel hinausging, schiefe Klänge aus ihrer Kehle, mit denen sie trällernd den Liedern fröhliche Unterstützung spendete und der Ruhe ein Grab schaufelte.

Mit dem letzten Trockenreiben verebbte ihre Ohren zerreißend schrille Singstimme und schenkte dem Radio neues Leben, das wenige Sekunden später abgestellt wurde. Ramona wendete sich wie üblich dem Abendprogramm der Nachrichten zu, lauschte dem nahenden Untergang der friedlichen Menschheit, empörte sich über die grauenhaft fehlbesetzten Politiker, die alles noch schlimmer machten, neigte dazu, wutentbrannt den Fernseher mit dem Kissen einzuschlagen, als sie von den Militärgeschäften Deutschlands hörte. Eine Sauerei ist das! Ein Skandal! Das Fließen von Milliarden werden so manchen ein Lächeln auf die Gesichter der Elite und Firmenbosse zaubern!

Ramona riss die Fenster auf, atmete tief ein und das Gebrüll einer Löwin durchflutete mit den ersten Regentropfen die Straße.

Ihr scheinheiligen Lügner!

Als sie im gegenüberliegenden Fenster des Hauses einen Stock höher den Umriss einer Person entdeckte, zog sie sich hastig in die Wohnung zurück, schloss die Balkontür und schämte sich über ihren unkontrollierten Wutausbruch gegenüber den so gesitteten liebenswürdigen Nachbarn, die sicher nichts über den Zerfall der Politik konnten.

Im Augenwinkel bemerkte sie, wie ein Kind den Kopf aus dem Fenster streckte, eine Wasserbombe auf die Straße warf und beinahe eine alte Frau zu Tode erschreckte, die unglücklicherweise unter dem Fenster vorbeilief. Der Kleine zog sich eilig ins Innere des Zimmers zurück und half der Mutter beim Abtrocknen in der Küche. Ach, was bist du süß, säuselte die Mutter, zufrieden über ihre scheinbar so gute Erziehung des Sohnes.

Die alte Frau schimpfte noch lange vor sich hin, beschwerte sich über die Jugend, die verwöhnten kleinen Biester, das ungezogene Volk, das es heute viel zu leicht hat.

Still fuhr eine Frau mit Kinderwagen an ihr vorbei. Ihr Gang beschleunigte sich leicht, als sie an der 80-jährigen vorbeilief und durch eine Duftwolke Mottenkugeln schritt. Puh, hörte die nach vorn gebückte Alte sie leise. Die hochgezogene Augenbraue versetzte ihrem Gesicht den Ausdruck einer Schuldirektorin, darauf beharrt, ihren Posten niemals abzugeben. Sie blickte zum Fenster des Jungen hinauf, entdeckte ihn auf der Lauer liegend und lächelte im Stillen. Artiger Bengel, schoss es ihr durch den Kopf. Dann schritt sie davon, auf dem Weg zum Supermarkt und dem Ziel, ihrem Gatten einen saftigen Braten für die Abendmahlzeit zu besorgen.

Nur knapp verfehlte die Wasserbombe den Kinderwagen und entfachte ein lautes Gebrüll des Säuglings und der Mutter. Der Junge schnellte zum Vater und hielt die Leiter fest, von der aus dieser eine Deckenlampe befestigte. Na, was ist dir denn über die Leber gelaufen, lachte er und freute sich über die Unterstützung seines Einzelkindes.

Am nächsten Morgen surrte der Postbote mit dem motorisierten Post-Fahrrad den Gehweg entlang, wich unzähligen Hundehaufen aus, die den Asphalt darunter beinahe vergessen ließen, und war trotz leichtem Nieselregen bester Laune.

Guten Morgen, rief er zum Balkon hinauf, auf dem Ramona gerade die Blumen goss und den Sturzbach, den sie unter sich auslöste, ignorierte.

Guten Morgen! Heute was für mich dabei?

Leider nein, antwortete er, während er im falschen Moment den Schutz der Briefe zur Seite zog und sich der Wasserschwall darüber ergoss. Erst nach der Überquerung der Kreuzung bemerkte er sein Unglück und geriet in Panik, als er die verschwommenen Adressen nicht mehr entziffern konnte. Er beschloss, die durchnässten Papiere im Gepäck zu lassen und zu Hause zu trocknen. Sicher würde er den einen oder anderen Tipp im Brief finden. Was war schon dabei?

Mit einem Mal traf ihn eine Flut von Kindheitserinnerungen, er in kurzen Hosen, meist mit geschundenen Knien vom Spielen, den Großteil seiner Zeit unter freiem Himmel. An einem sonnigen Tag im August hatte er das erste Mal verbotenerweise einen Brief aus der Tasche des Postboten entwendet und ihn gelesen. Frau Schmidt, eine Nachbarin, wurde von ihrer Tochter nach England eingeladen, musste sich dort aber ein Hotel nehmen, da die Wohnung der Tochter nur aus einem Zimmer bestand. Eine gewisse Lila, oder Leila, schrieb Liebeszeilen an den Klassenlehrer und bat ihn, sich in der nächsten Woche in der Stadt zu treffen. Gab es nicht Frau Klassenlehrerin, die Habichtsfrau, im Arm den speckigen Wurm des Ehepaars? Ja, natürlich!

Erst, als der Junge auf diesem Wege vom Tod seines geliebten Großvaters erfuhr, wurde er „der kleine Postbotenjunge“. Damals noch mit klapprigem Fahrrad und Mütze unterwegs. Der damalige Postbote, ganz gerührt von der Leidenschaft des Jungen, jeden einzelnen Brief sicher an den Empfänger zu bringen, fühlte sich so beflügelt, dass er wenige Jahre darauf mit einem Lächeln auf  dem Gesicht die Welt verließ. Sicher, er war auch schon weit über 70 Jahre alt gewesen und hatte Krebs, der arme Kerl.

Zufrieden über seinen Plan setzte der Mann seinen Weg weiter fort und überfuhr aus Versehen eine verwirrte Taube, die sich unter den Rädern das Genick brach. Der Postbote, entsetzt über sein Missgeschick, ergriff Fahrerflucht, was die Alte mit scharfem Blick verfolgte, und verlor in Windeseile seine gute Laune über seine neue Arbeitswoche, die er sich nach jahrelanger Arbeitslosigkeit so sonnig vorgestellt hatte.

Über anette

photo artist & dreamer

4 Kommentare

  1. Schön und sehr bildlich….

  2. Es ist mitten aus dem Leben, zwischen alltäglichem Wahsinn, Trostlosigkeit, Träumen, die wir haben und wieder zerbrechen. Es ist mittendrin und das sehr eindrucksvoll in Worte gefasst.

    • Danke für dein schönes Feedback!
      Es ist wirklich der alltägliche Wahnsinn, der mich in diesem Text geritten hat. Die Geschichten hinter den Geschichten, die Gedanken der Leute, deren Charakter sich stetig ändert, sobald man diese erfährt. …
      Jeder steht in seinem Leben, hat seine Träume, die wieder wie Seifenblasen zerplatzen können.
      Ich freue mich sehr, dass dir die KurzStory gefällt!

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