KurzStory *10*

(Vor vielen Jahren geschrieben und wieder entdeckt. Eine Geschichte und Gedanken eines Kindes.)

Bis zum Horizont

Wie ein Schatten huscht die Katze an mir vorbei. Sie verschwindet hinter der Hauswand und hinterlässt eine leere Straße. Ein Wind bläst über den Teer und trocknet die Pfützen. Meine Füße sind nass. Ich trage keine Schuhe. Ich will keine Schuhe tragen. Sie haben Löcher und ich bekomme Blasen von ihnen. Socken habe ich keine. Meine Letzten zerfielen wie Laub, über das ich laufe. Ich spüre nicht die Kälte und erinnere mich nicht, woher ich komme. Ich laufe. Ich laufe durch Straßen. Durch leere Straßen. Ich bin schmutzig. Mein linkes Knie ist aufgeschürft, aber ich merke nicht, dass es brennt. Ich laufe. Die toten Häuser ziehen an mir vorbei und beachten mich nicht. Sie verschwimmen in der Leere. Sie verschwimmen in Grau. Der Wind zieht weiter. Es ist still. Ich laufe. Löchrig hängt mir das Kleid bis zu den Knien. Es ist blau. Ein schmutziges Blau. In der Brusttasche meines Kleides trage ich einen Zettel. Ich kann ihn nicht lesen. Die Buchstaben sind verschwommen und baden in Feuchtigkeit. Das Papier hat sich aufgelöst und zu kleinen Klümpchen geformt. Alles ist still. Meine Füße sind rot. Ich merke es nicht. Ich laufe. Ich schaue nicht nach links, ich schaue nicht nach rechts. Ich drehe mich nicht um. Ich schaue nach vorne. Ich biege nicht ab. Ich kehre nicht um. Die Straße zieht sich zum Horizont. Dort möchte ich hin. Mein Teddy hängt schlaff an meiner Hand. Seine Füße sind schmutzig und nass. Er möchte laufen und schleift hinter mir her. Er läuft. Schwerfällig. Ich halte ihn fest, damit er nicht fällt. Er ist müde, aber ich lasse ihn nicht los. Er muss laufen. Ich lasse ihn nicht allein. Er hat sich aufgeschürft wie ich. Ich habe ihm einen Verband gemacht. Jetzt geht es ihm besser. Aber er ist müde. Er möchte schlafen. Er kann jetzt nicht schlafen. Wir müssen laufen. Wir laufen. Ich sehe den Horizont. Vielleicht ist es nicht mehr weit. Immer wenn ich denke, ich komme gleich an, rennt er wieder weg. Ich kann nicht rennen. Mein Teddy ist müde. Er wird schwer. Er muss allein laufen, aber er kann nicht. Ich halte ihn fest. Ich lasse ihn nicht allein. Ich laufe für ihn. Der Boden wird weich. Die Straße bleibt stehen. Ich bin froh dass sie stehen bleibt. Ich merke die feuchte Erde. Sie ist matschig und meine Füße fühlen sich wohl, aber es wird schwerer zu laufen. Sie will mich festhalten, aber ich bin stark. Sie kann mich nicht festhalten. Sie bleibt stehen. Ich bin froh dass sie stehen bleibt. Die Wiese kommt. Sie ist weich und hält mich nicht fest. Der Horizont rennt. Ich bin zu langsam. Ich drehe mich nicht um. Ich höre nur die Stille um mich herum. Mir ist heiß. Mein Kopf glüht. Ich friere. Mir ist heiß. Scheint die Sonne? Ja, sie scheint. Es ist heiß. Der Teddy schwitzt auch. Er will nicht mehr laufen. Er möchte schlafen. Er kann hier nicht schlafen. Er weiß nicht, wo wir sind. Er weiß nicht, wohin wir gehen. Ich führe ihn zum Horizont. Aber er rennt weg. Wir kommen nicht nach. Ich laufe. Ich schaue nicht nach rechts, ich schaue nicht nach links. Ich schaue nicht zurück. Ich kehre nicht um. Ich will nicht zu den toten Häusern. Ich will nicht in die graue Stadt zurück. Ich laufe. Wieso wartet der Horizont nicht auf uns? Wieso rennt er vor uns weg?

Ich bin ausgerutscht. Plötzlich lag ein Stein vor mir im Weg und mein Teddy hat ihn nicht gesehen. Er ist hingefallen und ich bin ausgerutscht. Ich fühle Teddys Hand nicht mehr. Es ist so dunkel und ich fühle seine Hand nicht mehr. Wo ist er? Teddy! Ich spüre das Gras und die feuchte Erde. Es ist so dunkel. Ich will Teddy nicht verlieren. Er findet sich nicht allein zurecht. Ich kann ihn nicht allein lassen. Er muss hier sein. Wieso lässt er mich allein? Es ist so kalt. Ich finde ihn nicht. Es ist so dunkel. Er ist so weich. Ich muss ihn doch wärmen. Er hat Angst im Dunkeln. Ich suche im Gras. Endlich finde ich ihn. Er hat sich gut versteckt und war ganz still. Ich habe ihn nicht gehört. Ich habe ihn gefunden. Mein Teddy. Fest drücke ich ihn an mich. Ich lasse ihn nicht allein. Er ist so müde und sieht nicht, wohin er geht. Eng aneinandergekuschelt schlafen wir ein. Mein Teddy braucht Ruhe. Er schafft es nicht mehr weiterzulaufen. Mein armer Teddy. Ich habe ihn gefunden. Jetzt ist er wieder bei mir. Bei mir braucht er keine Angst zu haben. Nein. Ich halte ihn fest und lasse ihn nicht los.

Es ist kalt. Es ist so kalt. Mein Teddy schläft noch fest und ich möchte ihn nicht wecken. Ich gebe ihm einen Kuss, nur ganz leicht, damit er nicht aufwacht. Sein Verband ist ganz schmutzig. Ich höre Vögel. Ganz viele Vögel. Sie sitzen in dem Baum gleich bei uns. Er ist voller Vögel. Ich mag wie sie singen. Ich lege mich eng an Teddy und versuche, ihn zu wärmen. Er zittert und ist ganz nass. Ich will nicht, dass er krank wird. Er muss gesund bleiben. Die Vögel singen so schön.

Ich schlafe so lange, dass es hell ist, als ich die Augen öffne. Teddy hat ruhig gewartet, bis ich aufgewacht bin. Er wollte mich nicht wecken. Lieber Teddy. Er ist trocken und friert nicht mehr. Die Sonne ist warm. Die Vögel singen nicht mehr. Ich stehe auf und muss Teddy helfen. Ich nehme ihn an meine Hand und wir laufen weiter. Ich sehe den Horizont vor mir. Er ist so weit weg. Ich laufe. Es ist ganz warm. Mein Teddy wird so schnell müde und stolpert über die Steine. Ich nehme ihn auf meinen Arm und lege seinen Kopf an meine Schulter. Er mag es, wenn ich ihn so trage. Schnell schläft er wieder ein. Er ist immer so müde. Sein Fell ist ganz schmutzig. Die Steine sind spitz und heiß. Ich laufe auf Zehenspitzen, damit es nicht so weh tut. Die Wiese ist beim Baum geblieben und ruht sich aus. Sie wollte nicht mit uns weiterlaufen. Sie wusste nicht, wohin wir gehen. Zum Horizont, habe ich gesagt, aber sie wollte nicht weiter. Die Steine laufen mit uns mit. Sie sind so heiß und trocken. Ich lasse den Horizont nicht aus den Augen. Vielleicht versteckt er sich sonst. Wenn er so rennt, möchte er vielleicht Verstecken spielen, sobald ich wegschaue. Ich darf nicht wegschauen. Ich kann ihn sonst vielleicht nicht mehr finden. Ich höre Grillen zirpen. Viele Grillen. Sie zirpen wie in einem Orchester. Ganz laut und durcheinander. Ich glaube, ich habe mal ein Orchester gesehen. Aber ich weiß nicht mehr wo es war. Vielleicht in der grauen Stadt. Nein, dort war keiner. Ich weiß nicht, wo es war. Ich muss zum Horizont. Er wartet nicht auf mich. Ich laufe. Ich muss Teddy Wasser geben. Er hat so einen Durst. Und sein Bauch ist schon ganz dünn. Er hat so lange nicht gegessen. Ich weiß nicht, was ich ihm geben kann. Hier sind nur heiße Steine. Ich glaube, ihm schmecken keine Steine. Die sind ihm zu hart. Wieso gibt es hier keine Bäume? Es ist so heiß. Die Sonne blendet meine Augen und lässt den Horizont schwimmen. Er ist im Wasser und flimmert. Aber ich verliere ihn nicht aus den Augen. Er kann aber schnell schwimmen. Ich möchte auch schwimmen. Ich möchte auch im Wasser schwimmen. Teddy braucht Wasser. Er hat so Durst. Ich muss ihm etwas zu trinken geben. Wieso wartet der Horizont nicht? Er kann uns ein bisschen Wasser abgeben. Nur ein bisschen, damit Teddy etwas trinken kann. Bitte, nur ein bisschen.

Ich schaffe es nicht, ihn einzuholen. Es tut mir leid, Teddy. Ich bin so müde. So müde.

Schlafe Teddy, schlafe, dann wird es besser. Ich halte dich fest. Ich lasse dich nicht los. Ich bleibe bei dir. Wir verlieren uns nicht. Wir rennen nicht voreinander weg.

Schlafe Teddy, schlafe. Ich mache mit dir die Augen zu. Nur ein bisschen, damit du nicht so allein bist. Nur ein bisschen.

Über anette

photo artist & dreamer

11 Kommentare

  1. Ja,so ist das Leben und so müssen wir es nehmen!

  2. Noa Adelbert

    Was für eine faszinierende Geschichte! Die Gedanken, Gefühle und Empfindungen sind derart echt beschrieben, dass sie beim Lesen in mir „mitschwingen“.
    Noa Adelbert

  3. Ich erinnere mich an meinen Teddy. Er ist immer noch bei mir, er sitzt zuhause in meinem Arbeitszimmer auf der Couch. Das erste Foto, das wir von uns beiden haben, ist mittlerweile etwa 47 Jahre alt. Damals halte ich ihn fest umschlungen, damals war er noch ein schöner glänzender Teddy. Jetzt ist er abgegriffen, abgenutzt, er glänzt schon lange nicht mehr. Aber ich liebe ihn immer noch, genau so wie damals, vor langer, langer Zeit …

    • So einen Teddy kenne ich auch ;-) Es ist wundervoll, etwas aus seiner Kindheit mitnehmen zu können, was mit so viel Liebe verbunden ist. Schöne Erinnerungen sollte man immer mit sich tragen.

  4. Sara Stroiny

    Die Erzählung: ob eine „wahre Begebenheit“ oder eine „Allegorie“ – es ist ein tiefes Verlassensein eines Menschen, eines Kindes, in das man sich hier hineinfühlen kann.
    Ohne Vorwürfe, ohne Hassgefühle wird dieser trostlose Zustand erzählt – direkt eine Warmherzigkeit und Liebe strahlt das Kind in seiner Hilflosigkeit aus.
    Und wir – bei all dem Elend in dieser Welt – wir schweigen und schauen weg.
    Die Geschichte macht sehr betroffen.
    Danke, dass Du sie ins Internet gestellt hast!
    Sara S.

    • Vielen, vielen Dank für deine Worte. Es ist schmerzhaft auf die Schattenseiten des Lebens zu treffen ohne in diesem Moment etwas tun zu können. Ein Ohnmachtsgefühl. Besonders, wenn es um die Gedankenwelt eines Kindes geht, das vor solch Geschehnissen beschützt sein sollte. Vielleicht ist es die Unschuld, das fehlende Vermögen jemanden einen Vorwurf zu machen, was mich in der Geschichte so ergriff. Ich war in diesem Moment des Schreibens das kleine Mädchen, fühlte die Müdigkeit und den Hunger, an der Hand den Teddy. Mehr existierte nicht, nur, das wir zusammen waren. Es ist überraschend und ab und an auch sehr traurig, welche Geschichten beim Schreiben kommen. Vielleicht, weil ich nicht wegschauen möchte.

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