KurzStory *9*

Gedanken … ein Ausschnitt

Ganz plötzlich. Unerwartet. Sie ist einfach da. Blockiert. Lähmt. Macht mich zu einer Marionette ohne Fäden. Wie ein Knäuel zusammengekauert. Bewegungslos.

Das Bein unter dem Arm, die Hand über dem Kopf, das Knie im Gesicht. Embryonalstellung.

Gedankensperre.

Ich drehe die Musik lauter, konzentriere mich auf den Rhythmus, der mir für gewöhnlich das Herz höher schlagen lässt. Heute bleibt es still. Schweigsam.

Den Brief neben mir ignoriere ich. Versuche es. Seine Form ein Knäuel, wie ich. Einmal gegen die Wand geschmettert und neben mir liegen geblieben. Hätte ich doch weiter geworfen. Jetzt ruht er vor meinen Augen, kugelrund, zerknittert, überflüssig. Pure Papierverschwendung. Wie gerne würde ich ihn treten, anbrennen, zerreißen und in kleine Stücke schneiden. Jedes einzelne Wort für immer löschen.

Was’n los?

Nichts.

Hast du schon ’ne Antwort bekommen?

Ja?

Hm.

Okay, das heißt wohl nein, oder?

Hm.

Wie auch immer, ich muss noch mal in die Stadt, brauchst du irgendwas?

Nö.

Willst‘ mitkommen?

Nein.

Schon klar, dann lass ich dich mal in Ruh‘.

Tief in meiner Magengrube beginnt das mir so gut bekannte Grummeln, das sich schrittweise verstärken wird, bis es zum Streit kommt. Die Nerven gespannt, gerade jetzt, wenn ich nichts hören und sehen will.

Verdammt, geh‘ doch endlich! Was schaust‘ mich denn noch so an? Hab‘ ich irgendwo was hängen, oder was?!

Is‘ ja gut, bin schon weg. Musst‘ ja nich‘ gleich durchdrehen.

Übertrieben leise fällt die Tür ins Schloss, nachdem mir mein Bruder optisch erkenntlich macht, dass ich spinne. Ich ignoriere seine Handspielerei vor seinem Gesicht und widme mich dem Papierknäuel, der der Grund dieser ganzen Misere ist.

Verdammt, hätte ich mich doch nie beworben.

Langsam spüre ich meine Hände wieder, die Beine. Durch das linke krabbelt eine ganze Ameisenarmee von der Zehe bis zur Hüfte und wieder zurück. Gefühlte fünfzig Jahre gealtert, der Körper zu einem Stück Ballast geworden, ziehe ich mich den Drehstuhl hoch. Links, rechts, eine viertel Drehung, abgerutscht, erneut, links, eine halbe Drehung, zurück, Warteposition, endlich. Ich sitze. Irgendwie.

Start. Piep. Pause. Der Bildschirm flackert auf.

Es muss doch auf dieser Welt irgendwo etwas für mich haben?!

… Stellenmarkt … Vollzeit … Teilzeit … Aushilfe … Praktikum.

… Jobs … weltweit … Europa … Nebenjob … Na bitte, hier gibt’s doch was. Ach ne, Studentenjob. Mist.

Über anette

photo artist & dreamer

6 Kommentare

  1. Die Situation mit abgelehnten Bewerbungen kennt wohl fast jeder.
    Viel schlimmer finde ich es, wenn man beim Gespräch war und man wurde behandelt, als wäre man schon eingestellt. Paar Tage später kommt dann sie Absage.

    • Sicher, eine gefühlte Zusage, die sich als eine Absage entpuppt ist besonders schmerzlich. Ein bekanntes Thema, das schon viel Wut, Resignation, Enttäuschung, aber auch neue Kraft mit sich bringen kann.

  2. Neue Kraft aber nur, wenn die Person auch die entsprechenden Reserven hat. Ich denke, nicht viele haben noch Reserven, wenn sie die 20. oder 50. Absage kassiert haben.

    • Klar, ich kenne sogar welche, die weit über 100 Absagen erhalten haben, allerdings ohne beinahe eine einzige Einladung. Traurig und sehr schwer, sich da selbst aus der „Endlosschleife: Bitte warten“ zu befreien. Viele drehen den Spieß um und ändern ihr Berufsziel komplett, auch wenn das Studium eigentlich ein ganz anderes war …

      • *auweia* Bin ich froh, dass ich nie solchen Marathon machen musste. Ich hatte da immer relativ Glück mit den Bewerbungen. Ohja, dieses, „im Moment nict aber wir haben sie vorgemerkt“ kenne ich zur Genüge. Da hört man meistens nie wieder etwas.

  3. Pingback: Fragment #1 « TryFilm

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