KurzStory *6*

Immer wieder gleiten Flavias Fingerspitzen über die Fotografien, zeichnen die Gesichter nach, die ihr aus der Vergangenheit zulächeln. Ein junges Mädchen, springende, kurze Locken, in einem rot-weiß gepunkteten Sommerkleid. Neben ihr ein Junge, der die Bitte des Fotografen, den Arm „um die Kleine“ zu legen, zögerlich nachgeht. Er ist einen Kopf größer als die junge Flavia, seine Augen kastanienbraun. Zwei Grübchen, eins auf je einer Seite, verzieren das Lächeln des Schülers, der seine Brust stolz zur Kamera richtet. Von der Luke aus wenige Meter entfernt dringt Klaviermusik in den Dachboden hinauf und füllt die Fotografien mit Leben. Claire de Lune von Claude Debussy. Flavia, umgeben von Kisten und längst vergessenen Möbelstücken, zieht gedankenverloren weitere Bilder aus dem offenen Karton und wirbelt kleine Staubwolken auf, die in den Sonnenstrahlen, die durch die winzigen Dachfenster dringen, zu tanzen beginnen. Erinnerungen an die Eltern, Flavia als Jugendliche, ihre erste Wohnung, der Strandurlaub in Kroatien bis zu ihrem Hochzeitstag breiten sich in Kürze vor ihr auf. Sie betrachtet den zum Mann gewordenen Jungen mit Grübchen, der strahlend neben ihr steht, sie in Weiß, ohne Schleier, eng umschlungen, ehe sie mit dem Auto in die Flitterwochen davon fahren. Ach, wären sie nur dort geblieben, denkt sich Flavia, legt die Bilder zurück in den Karton, klopft sich den Staub von den Kleidern und lauscht den letzten Klängen von Quasi adagio von Béla Bartók, während sie die Leiter zum Zimmer hinab steigt.

Na, fündig geworden?

Ihr Mann blickt sie vom Schreibtisch aus an, kurz, ehe er sich wieder seiner Arbeit zuwendet. Eine in Dokumenten verschwindende Kreatur, nicht wissend, ob sich diese aus der Situation befreien soll oder nicht. Unzählige Papiere bedecken den Tisch und stapeln sich zu beiden Seiten.

Ja, irgendwie schon. Wir haben noch viel Zeug´s da oben, weißt du? Irgendwann müssen wir das alles mal ausmisten.

Hmm.

Oder? Was denkst du?

Was?

Willst du denn alles behalten?

Was behalten?

Na, alles auf dem Dachboden.

Hm, weiß nicht. Er kratzt sich am Kopf, zuckt die Schultern und beugt sich tiefer in den Papierhaufen.

Flavia bleibt für einen kurzen Moment an der Tür stehen, bohrt den Blick in den Rücken ihres Mannes in der Hoffnung, sein Schweigen zu brechen und gibt schließlich auf.

Mir kam da so eine Idee, beginnt Flavia. Was hältst du davon, wenn wir Helen mal wieder besuchen würden?

Hm.

Weißt du noch, Helen, meine alte Schulfreundin.

Aha.

Na, was denkst du?

Worüber?

Na, ob wir sie nicht besuchen wollen.

Wen?

Helen.

Kenn ich nicht.

Natürlich kennst du sie! Sie war auf unserer Hochzeit!

Schatz, bitte. Sei mir nicht böse, aber ich muss wirklich arbeiten. Können wir nicht nachher darüber sprechen?

Natürlich.

Beim Essen.

Wie immer.

Bitte.

Danke, denkt Flavia, ein Reflex, den sie nicht ausspricht. Bitte, danke, danke, bitte.

Sie streicht sich über den runden Bauch, der beinahe einem Wetterballon ähnelt und steigt wieder die Leiter hinauf, angezogen von den traurig-wunderbaren Erinnerungen, die sich im Dachboden verstecken. Das Bild einer gemeinsamen Entdeckungsaktion mit Mathis schiebt sie beiseite.

Flavia?

Hm? Sie bleibt auf der Hälfte der Leiter stehen und verliert für eine Sekunde den Halt, ehe sie den letzten Schritt nach oben schafft.

Flavia! Ihr Mann springt vom Stuhl auf, hält sie fest. Lass das doch. Du bringst mich noch um vor Sorge.

Über Flavias Gesicht huscht ein Lächeln. Glück gehabt, murmelt sie und klettert zu ihrem Mann in die Arme. Was denkst du, kannst du eine kurze Pause machen?

Eine ganz kleine.

Über anette

photo artist & dreamer

2 Kommentare

  1. Thomas van Marek

    Hm, ich weiss nicht. Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Wenn ich meine Fotos bearbeite könnte das Haus abbrennen ohne das ich das merke:-)

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