KurzStory *5*

Schritt für Schritt lief die junge Frau über den Hügel am Rande der Stadt. Eine Gruppe von Menschen hinter ihr her. Zu dicht, zu viele. Männer und Frauen.

Ey, Svenja! Svenja! Svenjiskalein!

Messerblitze, leuchtende Augen auf scharf gestellt. HD-Augen, wie ihr Bruder es immer zu sagen gepflegt hatte. Mikael. Wo bist du? Ihre Füße spürten den Boden nicht mehr, die Knie wollten einsacken, wie eine Sandstatue in sich zusammenfallen. Vom Wind davongetragen. Hastig blies sie ihren erhitzten Atem aus, hechelte, und verlieh sich für einen kurzen Moment den Ausdruck einer Wölfin, die Augen nach einem Ausgang suchend. Ohne sich umzudrehen spürte sie im Rücken die näher kommende Meute, lechzend nach Rache. Rache wofür? Sie floh, ohne den Grund zu kennen, floh, ohne zu rennen, in der Angst, damit den Tierinstinkt der Menschen zu wecken und diese zu einer leidenschaftlichen Hetzjagd zu animieren. Bis jetzt lag eine gedrückte Langsamkeit auf der Gruppe, wartend auf das nahende Gewitter, die Explosion, wie der Stillstand des Windes, der sich auf den Blättern ausruhte und jederzeit hinunterfallen konnte. Peng! Mit einem Schlag erwacht.

Svenja! Brrrr

Wie hatte sie sich in diesem Dorf nur niederlassen können. In dieser Fremde. In einer Gegend, die von Zurückhaltung geprägt war. Wie konnte sie nur so naiv gewesen sein und denken, dass sie daran etwas ändern konnte! Wie hatte sie nicht die gespielte Freundlichkeit bemerken können, die nur davon lebte, sie, Svenja, in kurzer Zeit weiterziehen zu sehen. Sie zog nicht weiter. Sie war geblieben. Anfangs begannen sie noch hinter versteckter Hand Feindseligkeiten über sie auszutauschen, die täglich an Stärke zunahmen und ihr zum Schluss ins Gesicht geschmissen wurden. Du Hure! Kalt, beinahe erschreckend emotionslos.

Svenjiskalein! Schneller! Schneller! Brrr

Bald würde es beginnen. Bald. Sie spürte, wie der Boden vibrierte, die Schritte auf ihm in sich aufnahm, den Rhythmus, der kaum merklich schneller wurde. Mikael! Schick mir doch wenigstens den Wind, der mich davon treiben lässt, weg von diesem Ort! Weg von diesen Bestien! Hitze legte sich auf die Körper, Schweiß rann an ihnen herunter und bedeckte den Boden mit Angst und Wahnsinn. Der Abgrund kam näher, bäumte sich vor ihr auf. Ruhig lag er da, leicht erhöht, das Ende des Hügels, der mit einem Mal an Weichheit verlor und steil nach unten stürzte. Still blieb sie stehen, die Knie zitternd, am Rande des Abgrundes.

Spring, Svenjiska, spring!

Svenja schloss die Augen, spürte den feuchten Atem der Frauen und Männer, die Todeslust. Zu beiden Seiten wurde sie eingepfercht, die Fluchtwege versperrt. Die Gesichter zu Fratzen verzerrt, die Münder weit aufgerissen. Ehe sich der Wind auf ihren Körper legte, setzte sie an. Sie wusste, gleich würde sie springen. Nur noch einen Augenblick. Hinter ihr wurde es unruhig. Ein Geruch von Verwesung legte sich auf den Abhang, die Gruppe. Dann kam der Wind.

Über anette

photo artist & dreamer

2 Kommentare

  1. Anonymous

    Die Story erzeugt Spannung! Sie erinnert mich an ein Buch, das ich vor zwei Jahren gelesen habe. Wie geht es weiter? Gibt es eine Fortsetzung? Ich grüße die Autorin aus dem Urlaub in Rom.

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