Santillana del Mar

Knapp über 4000 Menschen leben in dieser kleinen Oase inmitten grüner Hügel und Wiesen Nordspaniens. Santillana del Mar ist auf dem Jakobsweg nur eine Station von vielen und trotz einem regnerischen Samstag, der uns nach der ersten Übernachtung begrüßte, zog sich eine mit Regenjacken und Hüten geschützte Wandergruppe die Straße entlang Richtung ihrem Ziel, die Köpfe leicht nach unten gebeugt, in einer Hand einen Wanderstock. Nicht nur einmal hatte ich über eine wochenlange oder monatelange Wanderung nachgedacht, mir jedoch nie deutlich vor Augen geführt, dass der Weg lange nicht so idyllisch ist, wie in unzähligen Geschichten und Fotos beschrieben. Statt Natur trifft man immer wieder auf verkehrsreiche Straßen, die oft nicht die Ruhe versprechen, die man auf diesem Marsch eigentlich gesucht hatte. Trotzdem, reizen tut es mich immer noch, nicht die touristisch ausgekauten Wege vor mir zu sehen, sondern unbekannte, verwunschene, versteckte Pfade durch die ganze Welt. Mit Sack und Pack, der Kamera, einem dicken Notizbuch und der Freiheit loszuziehen. An diesem verregneten Samstag kam mir ein Bild von Thailand, Indien, Afrika, Portugal, ein zweiter Besuch in Israel, in Südamerika, ein Gedanke, der in mir so viele neue Bilder und Glücksgefühle auslöste, und ein Gefühl von Weite hinterließ. Mit jedem Schritt löst sich der angestaute Ballast der Welt, verändert sich, bringt neuen, löst sich, wird durchlässig. Wer weiß, vielleicht, irgendwann, ist eine Reise wie diese möglich. Ein Kosten und Entdecken jedes Landes, der Kulturen, der Menschen, die einem begegnen, die Geschichten, auf die man trifft. Traurige, nachdenkliche, fröhliche, erschütternde und wunderbar leichte. Würde die Welt anders aussehen, wenn sich jeder, einmal in seinem Leben, auf eine Reise wie diese begeben würde? Gäbe es mehr Verständnis füreinander? Wer weiß das schon. Vielleicht ein utopischer Gedanke, der mir ein Lächeln auf´s Gesicht zaubert, wenn ich mir die Menschheit mit Rucksäcken vorstelle.

In Santillana del Mar blieben wir für zwei Nächte im Hotel Casona Solar de Hidalgos, zentral in der Jahrhunderte alten Altstadt gelegen. Gepflasterte Wege, Steinhäuser, Restaurants und Geschäfte. Das Alltagstempo der Bewohner war gemütlich, die Schritte langsam, die Gespräche lebendig. Es wird viel und gerne gegessen, wo ich, trotz Überreizung meines Magens, nicht mithalten konnte. Kennenlernen wollte ich es trotzdem. Das typische, traditionelle Essen, das mir mit zu viel Meeresfrüchten und Fleisch zubereitet wurde, die Muscheln, die, hier war ich einfach noch zu unbedarft, lebendig gekocht werden. Das Lamm, das, in Fett zubereitet, mit ganzen Knochen serviert wird und ich nach wenigen Bissen aufhören musste, so stark brannte mir das Bild im Kopf eines fröhlich in den Wiesen springenden Tieres. Leichte Übelkeit. Ich war satt. Die Muscheln, die am nächsten Tag mit der Paella kamen, aß ich, bedacht darauf regelmäßig Brot im Mund zu haben, um diese runterzubekommen, lächelnd auf und nickte, als sie mich nach einer zweiten Portion fragten. ¡Pero sólo un poquito! Zu schwer fiel es mir, abzulehnen und einen Schatten auf den freundlichen Gesichtern des Kochs und seinem Bruder zu sehen, die, extra für uns, das Essen zubereitet hatten. Die beiden schafften es, eine Paella, eigentlich für 12 Leute gedacht, zu zweit zu essen. Währenddessen flossen ein 30-jähriger Weißwein, Sekt und Orujo (traditioneller Honiglikör). Was für ein Schlemmen, das mich komplett überforderte! Ich werde die nächsten Wochen nichts mehr runterbekommen, dachte ich mir nur und versuchte dem spanischen Dialog zu folgen, der mich beinahe schwindelig machte. Zu schnell, zu viel, und doch, genoss ich die Andersartigkeit und den Austausch in vollen Zügen. Die Inhaber vom Hotel Casona Solar de Hidalgos erzählten uns unzählige Geschichten über das Haus, das seit dem 16. Jh. von Generation zu Generation weitergegeben wurde, die Besuche von Schauspielern und Regisseuren, sogar Nicole Kidmann kam zum Film „The Others“ einmal hierher, saß an genau dem gleichen Platz am Tisch wie ich in diesem Moment. Die beiden zeigten uns ihre Bücherei, in der Schätze aus dem 15. Jh. zu finden sind, dicke Wälzer, in Latein gedruckt oder in spanischer Handschrift. Eine Welt voller Geschichte, die die Inhaber so sehr lieben.

Casona Solar de Hidalgos, in dem es in jedem Stockwerk etwas zu entdecken gibt, in der die Geschichte und das Alter spürbar ist, die antiken, dunklen Möbel, der geschwungene Treppenaufgang, das alte Holzpferd in unserem Hotelzimmer. Wie knapp die Zeit doch war, um alles zu sehen, wartete doch noch das Meer, die steinigen Felsen, bewachsen mit saftigen Wiesen und Gräsern, der spanische Nordwind, der uns um die Ohren weht, und die umliegenden Orte auf uns. Mehr dazu bald …

Hotel Casona Solar De Hidalgos – Santo Domingo, 5 – Santillana del Mar 39330 – Spanien

Über anette

photo artist & dreamer

2 Kommentare

  1. Oh, die Bilder gefallen mir. LG!

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