KurzStory *4*

Ein leichter Grauschleier lag über den Stadthäusern, die sich im Zentrum wie eineiige Zwillinge glichen. Hochkantig, verglast, mit unzähligen Stockwerken und unpersönlich. Erneut drehte ich mich um, warf einen Blick auf den Mann, der nur wenige Meter hinter mir lief. Schwarze Schuhe, langer dunkelgrauer Mantel, sein Blick gesenkt. Einer von vielen Menschen, mit denen wir beide uns durch das Gewühl nach vorne kämpften. Jeder auf eine andere Weise. Jeder so unterschiedlich. Ich zeigte Ellbogen, er zog sie zurück, ich schimpfte, er blieb still. Beinahe im Gleichschritt bewegten wir uns vorwärts.

Verflucht, passen Sie doch auf, fuhr ich eine junge Frau mit Stöckelschuhen an, die, anstatt sich wie gewöhnlich auf dem asphaltierten Fußgängerweg fortzubewegen, ihren spitzen Absatz in meinen linken Fuß bohrte. Ehe die Frau ihren Fehltritt registrierte, war sie schon im Dickicht der Körper verschwunden. Ein letzter Schimmer in leuchtendem Rot durchbrach die farblose Masse und verblasste hinter den dumpfen Spiegelungen der Häuser, als sie den Eingang der Bank betrat.

Ich spürte, wie sich mit einem Mal all die Verspannungen der letzten Wochen im Rücken lösten, die inzwischen angewöhnte Angst, nicht sicher zu sein, immer in Bewegung, immer auf der Flucht. Unkontrolliert machten meine Füße kehrt. Schweiß sammelte sich auf der Stirn. Nicht umdrehen, nicht zurückgehen!, schrie es in mir, doch es war zu spät. Ausdruckslose Gesichter starrten mir entgegen, als ich so überraschend die Richtung des eintönigen Marschs wechselte und ihnen plötzlich entgegenblickte. Eine Fremde, schoss es ihnen vielleicht durch den Kopf, die sie sofort wieder vergaßen. Ungekämmtes Haar, viel zu schlank, wie ein Grashalm und doch unbezwingbar. Unpassend.

Erleichtert stellte ich fest, dass der Mann wie vom Erdboden verschluckt war. Ich versuchte einen Stück seines dunkelgrauen Mantels, den schmalen hochgewachsenen Körper, der weit über die anderen hinausragte, ausfindig zu machen. Das leicht nach unten gebeugte Gesicht, beschattet von einer beängstigenden Starrheit. Nichts.

Dann begann ich zu rennen. Prellte an Körper, wütende Aufrufe, Verwünschungen, Hiebe, schmiss beinahe eine ältere Frau vor die Füße der Masse und erspähte eine Bushaltestelle nur wenige Meter entfernt, suchte mir, ohne Verluste, den Weg nach vorne und erreichte gerade noch die geöffnete Fahrertür des Stadtbusses 147, der die Tür sofort schloss und sich schwerfällig in den Verkehr einordnete. Meine Chance! Eine einfache Fahrt, bitte, presste ich heraus. Die Stimme, ungewöhnlich fremd, viel zu hoch. Ich kramte das Rückgeld in meine Hosentasche und setzte mich an einen freien Platz direkt am Fenster. Als der Bus nach links in eine Seitenstraße abbog, atmete ich auf. Hatte ich es geschafft?

Ein kleines Mädchen, die Augen rund und groß, voller Neugier, schauten mich direkt vom Sitz aus vor mir an. Der Kopf auf die Rückenlehne gelehnt. Lächelnd. Ja, vielleicht hatte ich es wirklich geschafft.

Über anette

photo artist & dreamer

4 Kommentare

  1. Eine Geschichte, die einen betroffen macht. Ein Albtraum? Ein Geschehen, das womöglich tausendfach geschieht? Man hält beim Lesen den Atem an.
    Sara S.

    • Danke für die Rückmeldung! Sicher gibt es viele ähnliche Erlebnisse, ein Flüchten, ein verzweifelter Kampf nach Freiheit, nach einem Leben ohne Angst. Ein Albtraum, wie du geschrieben hast, der hoffentlich ein gutes Ende haben wird, wenn man endlich aufwacht. Ist es ein Albtraum? Ein interessanter Gedanke …

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