KurzStory *3*

Wie lange noch?

Aidas Blick trüb, ihre Schultern erschöpft nach unten hängend.

Was denkst du, sind wir heute abend da?

Die Worte lösten sich nur langsam von ihrer Zunge, formten sich zu hörbaren Sätzen. Seit vielen Stunden wiederholte sie immer und immer wieder die gleichen Fragen. Warum sind wir hier? Musste ich denn dabei sein? Was tun wir hier bloß und wie lange dauert das Ganze denn noch? Längst hatte ich es aufgegeben, eine Antwort zu geben und mich vom Wind und der Weite einfach treiben zu lassen. Auch ich hoffte schließlich, von der großen Kreuzung eingeholt zu werden und in den Bus zu steigen. Endlich.

Mein Plan, die Welt und die Sorgen hinter mir zu lassen, einfach so, hatte sich nach nur wenigen Augenblicken in Nichts aufgelöst. Dem mir fremd gewordenen Alltag zu entfliehen, der mir zu Anfang so wichtig und besonders erschienen war. Nach und nach verblasste er wie das große Haus, das nur noch ich füllte. Jetzt, in all dem satten Grün der Felder und Wiesen, der Hügel, die sich um uns herum auftaten, stellte ich fest, wie sinnlos das alles doch gewesen war. Das Wegrennen, das nicht mehr zu Hause sitzen und auf bessere Zeiten warten zu wollen, das Warten überhaupt. Auf was wartete ich? Was erhoffte ich mir? Was sollte sich denn jetzt noch ändern? Nichts. Ein überraschender Besuch? Ein „Erlösungsbesuch“? Komm, ich zeig dir die Welt, auf die du so lange gewartet hast. Ich unterdrückte ein Lachen, das inmitten der Landschaft, neben meiner Freundin und in mir, herauswollte. Drängte. Mein Magen verkrampfte sich, bäumte sich auf und ein Schluckauf gebar. Schon wieder, brummte mir Aida entgegen. Ich lächelte. Ja, schon wieder. Und du?

Was, und du?

Na, ist es nicht irgendwie auch für dich schön mal rauszukommen?

Aida schaute mich entgeistert an, überlegte kurz.

Vielleicht.

Weißt du noch, als wir vor so vielen Jahren zelten waren?

Mit den gefühlten 30-kilo Rucksäcken? Aida lachte. Das waren noch Zeiten, fügte sie hinzu, versunken in der Vergangenheit, im wochenlangen Marsch über Hügel, Berge, entlang des Meeres und die Nächte unter freiem Himmel. Ein Abschnitt, den sie heute, nach so langer Zeit, kaum noch fassen konnte. Ihr eigentlich so sonniges Gemüt hatte sich in letzter Zeit eingetrübt, war beinahe gänzlich verschwunden. Nur noch selten hatten wir uns getroffen und ehe unsere Freundschaft, die mir so viel bedeutete, sich wie ein Traum auflöste und vergessen wurde, bat ich sie, mit mir eine kleine Reise zu machen. Eine Idee, die mir jetzt so sinnlos erschien und ich das Gefühl bekam, unser Leben teilte sich in zwei Richtungen und verlor die gewohnte Parallelität, die gemeinsamen Ziele. Wir waren uns fremd geworden. Auf ihrer Stirn lag eine tiefe Sorgenfalte, die sich in den letzten Jahren beharrlich gut hielt und nicht mehr wegzudenken war. Das Alter, aber vor allem die Einsamkeit machten ihr schwer zu schaffen, seit ihr Mann ganz unerwartet verstorben war. Viel zu früh. Kinder hatte sie keine bekommen können. Vielleicht wollte sie auch nie welche. Niemals hatte sie auch nur ein Wort darüber verloren.

Was denkst du, sollten wir vielleicht die Kreuzung übersehen und einfach weiterlaufen? Aida blickte mich an, gepackt von einer neu gewonnenen Leichtigkeit, vielleicht durch die Erinnerungen, die in ihr wieder lebendig wurden, Bilder von der jungen, lebensfrohen Frau, die die Welt entdecken wollte. Aida.

Schlagartig hörte mein Schluckauf auf. Ich vergaß den längst ermüdeten Körper, die Zweifel des Ausflugs, die Hitze und den durchgeschwitzten Rücken, auf dem das Zelt und der Proviant im Rucksack auf die nächste Pause warteten.

Wirklich? Ich zögerte. Nicht sicher, ob Aida im nächsten Moment doch einen Rückzug machte.

Wirklich. Was erwartet mich schon zu Hause? Was erwartet dich?

Nichts.

Na dann, lass uns weiter laufen. Sie beschleunigte ihren Schritt, ich hinterher, und im Gleichschritt ging es vorwärts. Eine kindliche Naivität und Freude legte sich auf ihr Gesicht, das, wie ich, schon so viel gesehen und erlebt hatte. Jetzt, in all der Verrücktheit zweier alter Frauen, wie wir uns inzwischen nannten, verloren die Dramatik und die schwierigen Lebensabschnitte ihr Gewicht.

Über anette

photo artist & dreamer

4 Kommentare

  1. Ja, Freunde, die man lange nicht gesehen hat …
    Freundschaften entwickeln sich, manchmal auch in unterschiedliche Richtungen. In wenigen Wochen habe ich es vor mir, zwei Wochen Italien mit Besuch bei guten, alten Freunden, die ich schon Jahre nicht mehr gesehen habe. Ich freue mich darauf!

  2. Sara S.

    Ich konnte mich gut in die Geschichte hineinversetzen, mitempfinden – ein ganzer Horizont tut sich auf an Erinnerungen, Gefühlen, Empfindungen, Freundschaft, Familie, Alleinsein, Hoffnungen, Enttäuschungen, Sehnsüchten … die alle in der kurzen Geschichte anklingen. Eine Geschichte, die ich mehrmals gelesen habe, mit immer wieder neuen Assoziationen. Danke!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: