Berliner Frühling, wat für´ne Pleite

DER 12. MAI verspricht kalte 13ºC, im besten Falle!, und doch geht es hinaus in die große weite Stadt. Unter den wolkenverhangenen Himmel Richtung Zentrum, vorbei am ohrenbetäubenden Verkehr, die Nase tief vergraben in die wieder aus dem letzten Eck des Kleiderschranks gekramte Winterjacke.

ES WIRD ZEIT, dass der Frühling nicht nur für wenige Tage bleibt, es wird Zeit, dass die Sonne nicht schüchtern nach dem ersten Auftakt wieder in der Versenkung verschwindet! Gestern noch bei Sonnenschein und beinahe wunderbaren 30ºC auf dem für eine halbe Stunde sonnigen Balkon am neuen Roman weiter geschrieben, vertieft, genossen, die Stunden verflogen, die Luft warm wie Föhnluft auf Stufe 2, und heute der Wunsch, das Haus nicht zu verlassen. Der Körper überfordert von dem ganzen Hin und Her, dem Kalt, dem Heiß, dem Mai, der sich wie der April benimmt, launisch, unberechenbar, wütend und plötzlich wieder wunderbar. Wozu erst vor vier Wochen einen Grill geschenkt bekommen, der in der kurzen Zeit, die Schönwettertage einmal verpasst, zu verrosten scheint? Wartend auf seinen Einsatz ruhen die ersten Spinnweben auf ihm. Der Tempelhofer Park, so grün, so weit, so ruhig für die Stadt, bei Sonnenschein belagert, die Luft von bratenden Würsten und Kartoffeln geräuchert und würzig, und heute, ein Trauerkloß, ein Loblied an die vereinsamten Flugbahnen des alten Flughafens, längst unbenutzt, und der Asphalt überwuchert mit Gras. Ein Jogger, zwei Radfahrer, Sportler, die sich auf einen Wettbewerb vorbereiten, haben sich als einzige an den heute so trüb erscheinenden Ort verirrt, deren hässliche Gebäude des ehemaligen Tempelhofer Airports an solch einem Miesewetter die vage Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus aufleben lassen. Kalt. Widerlich. Tote Bauten mit schwarzen Fenstern. Warum steht der Klotz bloß noch dort? Ein einsamer Drache schwebt über dem Park, am Ende der Schnur ein Kind. Dahinter der Vater.

HOFFNUNG SIEGT BEKANNTLICH NIE, denke ich mir, als ich den Verkehr hinter mir lasse und den Buchladen betrete. Warme Ruhe. Ist ja erst der Frühlingsanfang, oder? Da verzeih ich Berlin sein chaotisches Wetter und drücke ein Auge zu, genieße die wenigen schönen Tage, die dafür den Flair eines Hochsommers aufkommen lassen. Viel Freizeit bleibt mir sowieso nicht, was kümmert mich da zum Teufel nochmal eigentlich das Wetter?

Über anette

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