In Berlin die Welt entdecken

Das Straßenfest “Karneval der Kulturen” hat begonnen und was sich zuerst als ein entspanntes, nach Gewürzen und Essen aus aller Welt duftendes, musikalisch buntes Treiben zeigte, entpuppte sich, je später die Stunde wurde, zu einem Paradies aus Menschenmassen. Dichtgedrängt zogen wir im Rhythmus der afrikanischen Trommeln, der südamerikanischen Bands, der Klezmer-,  Balkan- & Gypsymusik, Straßenkünstler und Verkaufsstände am Duft der Welt vorbei. Ohne Hunger zu haben, knurrte der Magen. Wir begannen mit einem indisch-ayurvedischen Essen, bestehend aus Reis mit Curry-Gemüse, das leider an diesem Stand nicht unbedingt weiterzuempfehlen ist,  zogen weiter, teilten uns ein Injera (ein säuerliches Fladenbrot aus Teffmehl mit Linsen, Ragout und keine Ahnung was aus Äthiopien, das mit den Fingern zu verzehren ist) – ein Genuss!, tranken den bitteren schwarzen Kaffee ohne Zucker, auch genannt “Buna”, die uns eine Afrikanerin in einer winzigen Tasse überreichte und mich an Weihnachten erinnerte. Nelkengeschmack. Zum guten Schluss konnte ich den unzähligen Crêpe Ständen nicht widerstehen, den ich, typisch deutsch vielleicht, mit Nutella bestellte. Immer zu empfehlen!

Jetzt konnte das ausgelassene feucht-fröhliche Feiern beginnen. Hin- und her wandernd von der Latinauta Bühne und der Eurasia reisten wir von Südamerika nach Osteuropa, schwangen die Hüften zu Cumbia und Klezmer, bis um 23 Uhr die Bühnen dicht machten. Endlich, um halb zwei Uhr nachts fielen wir müde in die Betten. Auftanken für den nächsten, übernächsten und überübernächsten Tag. Bis sich der Karneval schließlich wieder verabschiedet und es stiller in den Straßen von Berlin-Kreuzberg wird.

FotoArchiv – Winter in SchwarzWeiß

Inmitten der heißen Tage finde ich beim Durchstöbern der angesammelten Fotoarchive alte Winterbilder von einem Ausflug nach Dresden und in die Umgebung. Erinnerungen, Geschichten, neue Ideen kommen mir für den Roman, an dem ich schreibe. Es ist schon verrückt, wie viel Inspiration man doch durch die kleinen Dinge bekommen kann. Ein Stück Zettel mit einer Notiz, ein Mann auf der Straße oder der Blick nach gestern.

Nebeldunst

Ruhe


Karneval der Kulturen

In drei Tagen ist es wieder soweit. Karneval der Kulturen 2012 startet seinen feucht-fröhlichen Party- und Tanzrausch durch Berlin Kreuzberg, vorbei an unzähligen Schmuckständen, Taschen, Kleidung und Handwerk bis zu Essständen mit den Köstlichkeiten aus der ganzen Welt. Gott sei Dank scheint es dieses Mal wirklich nicht zu regnen und die Temperaturen kühlen sich nur wenige Grade ab. Vielleicht genau richtig bei den Menschenmassen, die sich durch die Straßen schieben werden, rhythmisch, tanzend , fröhlich.

Ich bin sehr gespannt auf die kommenden Tage, die Atmosphäre, freue mich auf das Essen, die Bands und das Leben, das für kurze Zeit wie ein Wirbelwind durch die Straßen, nur wenige Meter von der Wohnung entfernt, fegt. Immer dabei die Kamera, naja, fast immer. Bis schließlich nach all der Eindrucksflut die erhoffte Ruhe wieder in Berlin einkehrt und die tagtägliche Arbeit fortgesetzt wird.

Es war einmal …

Schon immer liebte ich es, zu fotografieren. Momente festzuhalten, auf der Suche nach dem ganz besonderen Augenblick, der Blick durch die Kamera. Leider hatte ich in letzter Zeit wenig Zeit dafür, vertieft ins Schreiben des neuen Romans und einem gewissen Überlebenskampf, mein gerade veröffentlichtes Buch bekannt zu machen, sowie die Hoffnung, in naher Zukunft eine positive Antwort eines Verlags zu bekommen. Um für kurze Zeit auf andere Gedanken zu kommen, fuhr ich mit Freunden raus aus Berlin, mit dabei die Kamera.

Wie konnte ich nur vergessen, wie viel Freude das Fotografieren machte! Was für eine Ruhe mich überkam!

Inmitten des weitläufigen Parks trafen wir auf ein prachtvolles Gebäude, beinahe königlich, die Säulen aus Marmor. Passend zur Dekoration ein Fotograf, der Bilder für ein Modemagazin schoss. Eine Frau und ein Mann, elegant gekleidet, in der Kulisse des kleinen Palastes. Wenige Meter entfernt entdeckte ich dann die Mauer, die mich beinahe dazu zwang, sie einzureißen, in der Hoffnung, das Fenster könne wieder frei atmen. Verrückt, welche Fantasien einen doch überkommen. Aber dank dieser Fantasien entstehen Geschichten, neue Bilder, die so inspirierend und wertvoll sind.

Stille

Manchmal, übersättigt von all den Eindrücken der Großstadt, dem ewigen Verkehr, der die Straßen füllt, dem Lärm, dem zarten Beben der U-Bahnen und Züge, den Massen an Individuen, die Tag für Tag aneinander vorbeirennen, der Ruhelosigkeit der Gesellschaft und der Suche nach Arbeit, der Suche nach Erfolg und dem Sinn des Lebens, wünsche ich mir nur eins:

STILLE

Gedanken zum 16. Mai 2012. Berlin.

KurzStory *1*

EHE SICH DAS ABENDLICHT auf die hohen Türme der Stadt legte, lief Jakob, gerade 20 Jahre alt geworden und besorgt über seine steil nach oben führende Karriere als Taugenichts und Tagelöhner, die Graf-Jonas-Gasse entlang. Seine breiten Schultern berührten beinahe die brüchigen Hauswände zu beiden Seiten und zwangen ihn, sich dünner zu machen, aus Angst, die Mauern könnten jeden Moment über ihn hereinbrechen. Hinter ihm der zu klein geratene Tom, der es trotz seinen 1m 58 immer wieder schaffte, seinen Freund aus der Patsche zu holen. Dieses Mal wäre er jedoch gerne im Schatten der Nische geblieben, gleich neben dem Zeitungskiosk, hätte Mädchen beobachtet und über sein tristes Singledasein philosophiert, während er von dort aus auf Jakob warten würde. Mit vielen guten Gedanken natürlich. Dass das keine freundschaftliche Geste gewesen wäre sah er sofort ein und eilte dem 20-jährigen ohne Murren hinterher.

JAKOB´S SCHRITTE waren vorsichtig, die Ohren gespitzt. Immer wieder drehte er sich grundlos um, rempelte Tom, der ihm viel zu dicht folgte, „pssst Tom, pass doch auf“, und ließ den Blick über die heruntergekommenen Hausfassaden schweifen. Zu seiner Linken zog sich am Hausrand eine Straße von Kakerlaken entlang, die vor den unerwünschten Besuchern die Flucht ergriffen und schließlich in einem hektischen Chaos in alle Richtungen strömten. Einige der verhassten Krabbler rannten den beiden Männern genau unter die Füße und Jakob verzog angeekelt sein Gesicht, als er das Knacken hörte. In genau diesem Augenblick nahm ein kleiner Junge namens Martin Reißaus, als er einen Apfel nur wenige Straßen entfernt in die Hosentasche steckte.

“DIEB! DIEB!, brüllte ihm Herr Janke mit einem hochroten Gesicht hinterher. „Jeden Tag stiehlt der kleine Giftzwerg etwas, dieses Mal krieg ich dich“, schimpfte er laut und ignorierte die bösen Blicke der Leute, die die magere Statur des Jungen als “armes Kind, lass ihn sich doch einen Apfel nehmen” abstempelten. Nach nur wenigen Metern aussichtsloser Verfolgungsjagd gab Herr Janke schließlich auf. Gegen so junge Leute kommt er nicht an, dachte er betrübt und kehrte um, vollkommen außer sich, als er die leeren Obstkisten an seinem Stand entdeckte. „Das werdet ihr mir büßen“, brüllte er, die Hand wild in der Luft gestikulierend. Luca, sein Hund, kaum größer als eine Riesenratte mit lockig-dichtem Haar wie Frau Janke, schaute ihn mit großen Augen verständnislos an und kläffte. Erschöpft senkte der alte Mann den Arm und ließ sich auf der ersten Treppenstufe des kleinen Ladens neben Luca nieder. „Was wird meine Frau mich doch kritteln“, sprach er zu seinem Hund und vergrub den Kopf in seinen Händen.

MARTIN, nicht hinter sich blickend, die Hose zerrissen, sein Gesicht mit schwarzer Schulkreide schmutzig gemacht, rannte quer über die verkehrsreiche Straße, Autos bremsten im letzten Augenblick und ein Hupkonzert erfüllte die Luft. Die Leute waren sauer. Dann krachte es. Während ein roter Oldtimer von einem Fiat gerammt wurde, verschwand der kaum 12 Jahre alte Junge in der dunklen Gasse. Der Polizist hatte ihn gerade noch ihm Augenwinkel erfasst, zog seinen Gürtel enger, bepackt mit Schlagstock und Pistole, nahm seine Füße in die Hände und galoppierte mit seinem massigen Körper, der beileibe keine Minute Lauf aushalten würde, hinterher. Er schwitzte, keuchte, schnaubte wie ein wild gewordener Hengst, bis er schließlich nach wenigen Metern aufgab. Nicht die Lunge versagte ihm, auch nicht die Kraft, es war schlicht und einfach die viel zu enge Gasse und die daraus fliehenden Kakerlaken, die er, nach Schlangen, am meisten verabscheute. Er schaltete seinen jahrhundertealten Walkie-Talkie ein und wartete auf Verstärkung, die nicht kam, da keiner, außer ihm, noch einen Walkie-Talkie benutzte.

BEINAHE GELANGWEILT lief er zurück an seinen Beobachtungsposten und beobachtete. Die Menschen, den Zeitungsverkäufer, die Ampel, die Fußgänger, einen Fahrradfahrer, der unverschämt eng an den Autos vorbeiraste und nur knapp einem plötzlich von links kommenden Auto ausweichen konnte. Glücklicherweise hatte der Polizist noch nie seinen Schlagstock und die Waffe verwenden müssen. Eigentlich hasste er das ganze Zeug. Die gesamte Aufmachung, das Formelle und Unpersönliche. Eigentlich wollte er nie Polizist werden. Als Kind hatte er sich immer als Feuerwehrmann oder Eisverkäufer gemalt. Wenn er Feuerwehrmann war, hatte er in der linken Hand ein gigantisches Schokoladeneis, wenn er Eisverkäufer war, brannte das Haus hinter dem Eiswagen und wurde von Feuerwehrmännern gelöscht. Mit diesen Gedanken schweifte er durch den restlichen Abend und die Nacht, während sich Jakob, Tom und der von den beiden noch nicht bemerkte Martin nach vorne durch die nicht enden wollende Gasse schlichen. Erst als Tom sich, gedankenlos an die Aufmerksamkeit seines Vorgängers angepasst, nach hinten drehte, blieb sein Blick auf dem einen Kopf kleineren Jungen hängen.

„MARTIN!“, brüllte er überrascht, „was machst du denn hier?!“ Tom lachte, ungehindert der wütenden Zischlaute seines Freundes. „Jetzt hast du alles versaut“, brummte Jakob ärgerlich. Wenige Meter entfernt sahen sie einen Schatten die Gasse davonlaufen. Martin schob seine Schultern hoch, zuckte, und streckte seinem großen Bruder den Apfel entgegen. Der Junge grinste. Er wusste, dass Jakob Äpfel nicht leiden konnte und doch stibitzte er von seinem Onkel Tag für Tag einen neuen, hielt ihn seinem Bruder entgegen und sagte:

„FÜR DICH.“ Dann lief er seinem Freund Nathan, dem Schatten, hinterher.